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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Gottesbild des Meister Eckhart



Florian
23.02.2009, 23:05
Hallo liebe Leute,
ich schreibe zur Zeit eine Facharbeit zum Thema "Religiöse Erfahrungen - nur eine Konstruktion des Gehirns?"

Ich interessiere mich insbesondere für Mystiker und kontemplative Orden. Zwar hatte ich vor, mich hauptsächlich auf den Buddhismus und Erleuchtung zu beziehen, aber heute bin ich auf eine interessante Person des deutschen Mittelalters gestoßen: Meister Eckart.

Seine Philosophie gründet sich vor allem auf die Überlegung, dass Gott in allen Dingen wiederzufinden ist. Es handelt sich beispielsweise nicht um deine eigenen Gedanken, sondern um Gottes Gedanken. Gottes Schöpfung sei eine dynamische Selbstentfaltung.

Bei Wikipedia steht, dass Meister Eckharts Gedankengut großen Einfluss auf die spätmitteralterliche Spiritualität im deutschen und niederländischen Raum hatte.

Das hat mich nun wirklich aus den Socken gehauen.

Meister Eckhart ist also fast so etwas wie ein christlicher Buddha.
(Jesus spielt in seiner Lehre übrigens kaum eine Rolle, da er die Menschen für eins mit Gott hält.)

Meine Frage: wie steht ihr zu diesem Mann? Kennt ihr ihn überhaupt?

Lior
23.02.2009, 23:31
Da ich mir nicht sicher bin ob ich dich richtig verstehe, frage ich einfach noch mal nach. Inwiefern hat dich der Umstand das Meister Eckhart einen großen Einfluss hatte aus den Socken gehauen? Nur weil dir der Name unbekannt war oder weil du seine Predigten nicht so bedeutend fandst? Und wieso ziehst du einen Vergleich gerade zu Buddha?

Florian
23.02.2009, 23:48
In den östlichen Religionen bzw. Philosophien (Hinduismus, Buddhismus, Konfuzianismus) verorten die Menschen "Gott" (Gott ist nur ein Wort von vielen, die nach buddhistischer Sichtweise alle gleichwertig sind, denn Wörter beschreiben nicht die Welt, sondern sind nur eine Abstraktion der Welt) im Menschen, weshalb sie auch nicht an ein Leben nach den Tod glauben, sondern wenn überhaupt an Wiedergeburt, wobei hier natürlich besonders bemerkenswert ist, dass die Wiedergeburt als schlecht angesehen wird. (Leben heißt Leiden.) Probleme gibt es nicht, sondern sie sind lediglich Illusionen, die aus unserem halbbewussten Leben resultieren. Die fundamentalste Illusion ist die Illusion des Ichs, welche überwunden werden soll.

Was mich so fasziniert ist, dass wir hier mitten im finstersten Mittelalter auf einmal eine einflussreiche Person finden, die so große Ähnlichkeiten zum Buddhismus aufweist, dass seine Literatur auch von westlichen Buddhisten gelesen und empfohlen wird.

luxdei
24.02.2009, 00:08
Hallo Florian!

Ja, ich kenne Magister Eckhart. Auch seinen Studenten Johannes Tauler mag ich.
Es ist in der Tat erstaunlich, daß mitten im Mittelalter ein christlicher Mystiker zu ähnlichen Erkenntnissen kommt wie Yogis und Buddhisten. Andererseits, wenn es nur eine ewige Religion, eine ewige Wahrheit (sanatana dharma) gibt, wieso sollten Christen keinen Zugang zu ihr gefunden haben?
Magister Eckhart ist übrigens nicht der einzige, der Parallelen zum "Östlichen" aufweist. Denke an die Lichterlebnisse der heiligen Hildegard und Augustinus´. Auch berichtet Hildegard über eine Vision, die aus der Bhagavad-Gita stammen könnte. Wenn wir die Liebesgebote Jesu betrachten .... Wenn wir Jesus Leben mit ... vergleichen, .... Aber brechen wir hier ab ;-)

Es gibt nur einen Gott, eine Wahrheit und viele Wege.

Gruß
LD

Lior
24.02.2009, 00:09
Nun ich verstehe grundsätzlich was du meinst, ich finde aber, dass du in dieser Darstellung auch berücksichtigen solltest, dass wir hier von zwei grundverschiedenen Kulturkreisen sprechen und eine Übertragung der Terminologie nur bedingt gemacht werden darf. Gerade Gott ist doch ein sehr unterschiedlich verstandener Begriff. Außerdem ist dir sicherlich bewußt, dass man auch nicht von dem Buddhismus sprechen kann ebensowenig wie von dem Christentum. Und dass das Christentum wie viele andere Religionen auch eine Mystikerbewegung hat, ist an und für sich ja nicht so verwunderlich, noch weniger wenn man die Austauschprozesse zwischen den Religionen berücksichtigt. Aber ja - um deine ursprüngliche Frage zu beantworten - ich weiß zwar nicht wie die anderen dazu stehen, aber ich persönlich halte Meister Eckhart ebenfalls für eine interessante Figur, da möchte ich dir durchaus recht geben. Und er ist nur eine der populärsten, es gibt viele andere Zeitgenossen deren Gedanken in ähnliche Richtung gehen.
Das viele westlichen Buddhisten Meister Eckhart lesen oder empfehlen - nun wenn du dies sagst, so wird das schon sein (ich selbst kann das leider nicht beurteilen), aber da sie ja zum selben Kulturkreis gehören (und den Buddhismus "nur" adaptiert haben), wundert mich das nicht. Ich will jetzt nicht etwa Buddhisten verunglimpfen, ich meine viel mehr, dass es einen gewissen Unterschied zwischen westlicher Interpretation und östlichem Denken gibt, dass nur um meine Formulierung zu erklären. Ich finde es positiv, wenn man anderem gegenüber aufgeschlossen ist und er stellt sicherlich eine Bereicherung dar. &buch

KindGottes
24.02.2009, 16:37
Meister Eckhart war seiner Zeit weit voraus.
Man kann eigentlich sagen, dass er sogar heute, über 600 Jahren später der Zeit immer noch voraus ist.
Heute erst erschließt sich manches seiner Texte.
Ich finde vieles von ihm sehr beeindruckend.

Der Satz:

"Wer glaubt, Gott könne nur auf eine bestimmte Weise gesucht werden, der nimmt die Weise und verfehlt Gott, der in der Weise verborgen ist."

der wurde zu meinem spirituellen Leitsatz.