Deine Kritik, dass Predigten total lahm und nichtssagend sind, teile ich, wenngleich mich eher etwas anderes stört als vermutlich Dich: Mich stört vor allem, dass es meist reine Wohlfühlpredigten sind. Die Priester passen viel zu sehr auf, dass sie niemandem auf die Füße steigen. Nur ja keine harten Worte, durch die sich jemand als Sünder gebrandmarkt fühlen könnte! Wo sind die Zeiten hin, als ein Abraham a Sancta Clara mit Klartext von der Kanzel donnerte? Zu ihm strömten die Massen, obwohl sie von ihm kritisiert wurden. Heute heißt es nur noch, dass Gott eh alle lieb hat und daher eh alle in den Himmel kommen. Kritik an bestimmten Verhaltensweisen und Missständen hört man kaum, sondern nur noch belangloses Gewäsch. Doch leider sind bei vielen Menschen das Gewissen und das Bewusstsein für Probleme so abgestumpft, dass sie ein bisschen Wachrütteln dringend nötig hätten. Aber in der Kirche bekommen sie es nicht.
Ein Tiefpunkt war beispielsweise die Predigt des Wiener Kardinals Schönborn in der Seelenmesse für den verstorbenen österreichischen Bundespräsidenten Klestil: Klestil hatte in seinem Wahlkampf betont auf heile Familie gemacht und seine Ehefrau massiv im Wahlkampf eingesetzt. Erst nach seiner Wahl stellte sich heraus, dass er seit Jahren eine Geliebte hatte, deretwegen er dann rasch nach seiner Wahl seine Ehefrau abservierte und die Geliebte heiratete. Für dieses miese Verhalten fand Schönborn in seiner Predigt dann sogar noch versöhnliche Worte. Okay, ich erwarte ja gar nicht, dass er in einer Seelenmesse über den Verstorbenen herzieht, das wäre dann doch etwas unangemessen, aber dann hätte er das Thema eben ganz übergehen sollen, statt auch noch Verständnis zu zeigen.






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