1. Einführung in den Hellenismus (Grundlagen des Hellenismus)
Warum das Thema Hellenismus und Christentum?
Unzählige Bücher wurden zu dieser Thematik schon verfasst und doch ist es den meisten Menschen verborgen, wie tief unsere geistigen – europäischen Wurzeln in Kultur und Religion genau in dem Modell des Hellenismus sind. Unsere westliche Welt ist nicht nur römisch geprägt, nein eigentlich ist sie hellenistisch – römisch. Römisch in unseren gesellschaftlichen Strukturen, hellenistisch - römisch in unseren kulturellen und religiösen Strukturen und Wertevorstellungen. Ganz besonders interessant ist für Religionswissenschaftler dabei, dass sich in der westlichen Kultur und Religion orientalische Einflüsse mit hellenistischen Einflüssen zu einer Kultur und Religion als Erbe antiker Kultur, Religion und Glaubenssysteme mit einer erstaunlichen Integrationskraft weiter entwickelt hat, die über Jahrhunderte hinweg, bis in unsere Zeit das Weltgeschehen lenkt. Ganz besonders die kulturelle Definition der westlichen Welt auf der Basis seines antiken Erbes und der Zusammenfassung der antiken Religion in einer Religion = Christentum, zeigt deutlich welche herausragende Bedeutung noch heute der Hellenismus in unseren alltäglichen Dasein spielt.
Hier einmal hellenistisch – antike Religionen und Philosophien vorzustellen wird die Eigenbestimmung seines Denkens, Glaubens und Religionsverständnis verdeutlichen und zugleich deren geistige Ursprünge und Vorgänger vor Augen führen.
Gehören die Antike und das Christentum zusammen? Ja, so sehen es alle Religionswissenschaftler ohne Ausnahme, denn das Christentum ist im Kulturkreis des Hellenismus entstanden, es trägt seine Wurzeln darin und wesentliche Kernaussagen der christlichen Lehre und Theologie basieren auf den Grundzügen hellenistischen Religions- und
Kultverständnisses.
Gleiches gilt darüber hinaus für unser Ökonomie- und Gesellschaftssystem, bis hin zu unserem Rechtssystem, das dem römischen immer noch ganz ähnlich ist. Noch wesentlicher trifft dies auf unsere Sprach- und Begriffswelt zu, die westlich (hellenistisch-römisch und nicht orientalisch) geprägt ist.
Sich diesen Gegebenheiten zu stellen, hilft eine klare Standortbestimmung zu finden, ja mehr noch, sich selbst und seiner Kultur zu begegnen und zu verstehen, warum man so denkt und glaubt, argumentiert und debattiert, wie wir es tun. Zu erfassen, warum das Christentum in seiner Struktur so ist, wie es ist, warum die Welt in der wir Leben so ist, wie wir sie umgestaltet haben. Dafür gibt es Gründe, die es lohnt zu erkennen, da wir unser aller Geschichte dadurch besser Verstehen und auch zukünftig positiver verändern könnten.
Wenn wir uns dem überaus umfassenden Thema des Hellenismus stellen, der nicht nur eine Zeitepoche beschreibt, sondern mehr noch ein Entwicklungsprozess der Menschheitsgeschichte, so kann dies hier natürlich nur im Rahmen expliziter Themenbereiche geschehen.
Aus diesem Grunde werde ich nicht wesentlich auf die ökonomischen- und auch nur bedingt auf die Naturwissenschaftlichen Errungenschaften des Hellenismus eingehen, sondern das Augenmerk im Wesentlichen auf die religionstheologischen und philosophischen Entwicklungen lenken.
Die Hellenistische Epoche wird heute mit dem Beginn des Weltreiches von Alexander des „Großen“ bis zum Ende des letzten hellenistisch – ptolemäischen Staatsgebildes (Ägypten) durch Augustus bezeichnet. Hellenismus leitet sich von Hellas – Griechenland ab, der Geburtsstätte des modernen Antiken Europa, Vorderasien und Nordafrika. Inbegriff dieses Wortes sind die geisteswissenschaftlichen, ökonomischen, sozialen, kulturellen, politischen und religiösen Veränderungen, die durch die damalige Weltmacht Griechenland, im gesamten Europa, Vorderasien und Nordafrika, zu einer Grundlegenden Neuorientierung der Gesellschaftssysteme und ökonomischen Verhältnisse führte.
Mit dem Beginn des Weltreiches Alexanders, begann nicht nur ein, in seinen Ausmaßen bis dahin unbekannter Eroberungsfeldzug, der alle alten Weltreiche Mitteleuropas, Vorderasiens und Nordafrikas faktisch erfasste, sondern es wurde ein über Jahrhunderte entwickeltes und bewährtes Sozial-, Kultur-, Politik, Ökonomie und Religionssystem exportiert. Geradezu revolutionäre Ideen erfasste die damalige despotische – archaische Welt, die durch Alexander aus ihren Angeln gehoben wurde. Griechisches Denken, wissenschaftliche Errungenschaften, ökonomische Reformen, politische Umorientierung und vor allem Religionsphilosophische Systeme erfassten alle Staaten, die dem Einfluss des Hellenismus ausgesetzt waren.
Ökonomisch lässt sich dieser Sachverhalt nicht nur an einem ausgeklügelten Geld- und Finanzsystem deutlich machen, der diese drei Kontinente zusammen führte und somit zu einem Vorreiter des Welthandelssystems wurde, sondern auch an Agrarreformen, Technologietransfer, Straßenbau, Städtebau und dem Versuch ein weitgehend einheitliches Wirtschaftsystem aufzubauen.
Kulturell wird dies besonders deutlich an der Verbreitung der Schrift und dem Schriftgut, dem griechischen als damalige Weltsprache, der Verbreitung von Schulen zur Allgemeinbildung bis hin zu dem Bau von Theatern und der Förderung der bildenden Künste.
Politisch löst der Hellenismus das despotisch archaische Regierungssystem ab und verschafft dem Volk bis dahin ungehante Freiräume und Mitbestimmungsrechte. Gleich wohl Diadochenreiche entstehen und Königsherrschaften neu gebildet werden, ist die Macht der Regenten nicht mehr so uneingeschränkt despotisch. Die Förderung in Kultur und Bildung ermöglicht zugleich dem einfachen Menschen trotz „niederer Herkunft“ doch zu politischen Ansehen und ökonomischer Macht zu kommen. Gleich wohl sich der griechische Gedanke eines demokratischen Systems nicht durchsetzen lässt, gelingt es doch dem Hellenismus auf der Basis von Mischkulturen, in soweit sozial politische Veränderungen hervor zu bringen, dass sie später zu Trägern neuer Entwicklungssysteme werden (Ägypten, Rom).
Die Eigenstaatlichkeiten werden nicht aufgelöst jedoch mit einander ökonomisch, kulturell und religiös verbunden.
Naturwissenschaftlich findet gerade zu eine Revolution im Weltbild der damaligen Menschheit statt. Das Wissen der großen Kulturen, dass Denken der Großen „Geister“ der Menschheitsgeschichte und die wissenschaftlichen Errungenschaften werden erstmals in einer großen Synopse gesehen und ausgewertet. Überall entstehen Universitäten und Bildungseinrichtungen, die erstaunlichen technischen Fortschritt hervor bringen, der heutige Archäologen nur erstaunen läst. Durch das flexible System des Hellenismus, andere Kulturen in sein umfassendes System mit einzubeziehen, gelingt es ein umfassendes Netz für Wissenschaftstransfer zu begründen. Grundlagen der Mathematik, Physik, Biologie, Medizin, Geographie, Astronomie, etc, etc., finden in der gesamten Koine seine Verbreitung.
Geisteswissenschaftlich findet in einem noch wesentlich weiteren Ausmaß der Transfer statt. Durch die intensiven und auch neu entstandenen Handelsbeziehungen und regionalen Völkerwanderungen verbreiteten sich Religionssysteme unterschiedlichster Art in der gesamten Koine und es entstanden Religionsvermischungen, Religionsauflösungen, Religionsreformationen und Neugründungen in einem ungeahnten Ausmaß. Ob in Ägypten oder Persien, in Europa oder Vorderasien, überall verbreiteten sich auch in den Religionen der Hellenismus und hier insbesondere die Früchte der Aufklärung. Philosophische Denkmodelle finden ebenso ihren Niederschlag wie Konzessionen an die neu errungenen wissenschaftlichen Erkenntnisse.
Ganz besonders die griechische Philosophie, die sich als erste Philosophie überhaupt dem Menschen als Individuum zuwendete und seinen Platz in Staat und Gesellschaft, in der Natur und Kultur, in der Religion und Philosophie selbst zu definieren suchte fand reges Interesse bei allen Völker und Kulturen. Der Gedanke des Individuums, der dem Weltenkosmos gegenübergestellt ist, war gänzlich neu und gerade zu wegweisend für alle Religionssysteme.
Für viel Menschen damaliger Zeit, galt diese Epoche als goldenes Zeitalter, brachte es doch wesentliche Verbesserungen der Lebensumstände und bis dahin ungeahnte Möglichkeiten der Selbstverwirklichung mit sich.
Doch im gleichen Atemzug, verschärfte der Hellenismus insbesondere die materiellen Ungerechtigkeiten in einem bis dahin nicht gekannten Ausmaß. Die Sklaverei wurde zu einem ganz wesentlichen Wirtschaftsfaktor und Bestandteil der Gesellschaftssysteme. Auf Grund regionaler Gegebenheiten kam es zu Unruhen und hier explizit in den naturell armen Gegenden, die weder Bodenschätze noch landwirtschaftlich mit dem neuen Wirtschaftssystem schritt halten konnte. Durch fast völlige Auslöschung des Tauschhandels und der Neubewertung von Wirtschaftsgütern durch Münzwerte wurden nicht selten ehemals reiche Gegenden zu Armenhäusern und Arme zu Reichen. Neue Städte und Wirtschaftsmetropolen entstanden und mehr und mehr verarmte die mehrheitliche Landbevölkerung, die sich nicht selten der Sklaverei verkaufen musste. Mehr denn je, wurden wirtschaftliche – ökonomische Faktoren zum wesentlichen Faktor von Macht- und Kolonialpolitik. Der Hellenismus als kulturell integrative Kraft, der zugleich die kulturellen Eigenheiten und politische Selbständigkeit förderte, verlor dadurch seinen politischen und ökonomischen Einfluss und wurde der Rolle als Weltmacht nicht mehr gerecht. Neue politische- und wirtschaftliche Systeme (römische Republik), entwickelten sich aus dem Hellenismus und begannen diesen abzulösen, gleich wohl die Religion und Kultur im hellenistischen Sinne eine neue Blüte erleben sollte.
Abschließend sei hier gesagt, dass ich mich bemühe so allgemein verständlich wie möglich auf die Thematik des Hellenismus einzugehen. Insbesondere bei meiner Einführung zum Hellenismus, der die Vielschichtigkeit dieser Epoche nur ganz leicht streifen kann.
Besonders in Teil 2 = „Die Philosophien und Religionen des Hellenismus“, wird die Thematik intensiver ausgebreitet, da sie Basis für alle folgenden Themenbereiche ist.



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