Teil 5.
Im Verlauf von einhundert Jahren schaffte es das Christentum sich so der hellenistischen Philosophie zu bemächtigen, dass es kaum noch ernsthafte Gegner aus diesem Spektrum gab. Viel mehr tobte der innerkirchliche Streit zwischen Hellenisten und Lateiner. Neben dem Streit um die kanonischen Schriften, tobte besonders ein Machtkampf unter dem in sich gespaltenen Christentum um die Vorherrschaft. Dies ging sogar soweit, dass 217 n.Ch. ein heidnische Kaiser in die Tumulte einschreiten musste, weil er das öffentliche Leben in Rom gestört sah.
Ein Bild wird uns von Celsus überliefert, welches hier Beispielhaft angeführt werden soll. So berichtet Celsus im späten 2. Jahrhundert, als sich gerade die katholische Kirche konstituiert: „Seit die Christen zu einer Menge angewachsen sind, entstünden unter ihnen Spaltungen und Parteien, und ein jeder wolle sich - denn danach trachten sie von Anfang an - einen eigenen Anhang schaffen. Und infolge der Menge trennen sie sich wieder voneinander und verdammen sich dann gegenseitig; so dass sie sozusagen nur noch eins gemeinsam haben, nämlich den bloßen Namen - im übrigen hält es von den Parteien diese so und jene anders“. (Orig. c. Cels. 3.10) So opferten die einen Christengruppen ohne innere Glaubenskonflikte römischen Kaiserbildern, wenn es von ihnen gefordert wurde, wofür andere hingegen ihr Leben ließen, weil sie es nicht mit ihren Glauben vereinbaren konnten, Kaisern göttliche Huldigungen zu erteilen. Ob so oder so, sie alle nannten sich Christen und beriefen sich auf die Bibel und die wahre Ecclesia zu sein. Für die einen war es Gehorsam gegenüber der Obrigkeit, für die anderen Götzendienst. Es mag nicht verwundern wenn wir erstaunt feststellen müssen, dass es nie eine wirklich große - alle Gläubigen umfassende Christenverfolgung durch das ganze römische Reich gab, gleich wohl wir von den Kirchen anderes schon gehört haben. Es gab regionale Verfolgungen die im Wesentlichen aber davon abhing, welche Prägung diese Christengruppen hatten.
Im frühen 3. Jahrhundert kennt Bischof Hippolyt von Rom 32 konkurrierende christliche Sekten. Am Ende des 4. Jahrhunderts nennt Bischof Philaster von Brescia 128 christliche Sekten und 28 Häretikerpartein.
Der Historiker Carl Schneider berichtet über diese Zeit: ”...Nach dem Vorbild der Philosophenschulen suchten diese Bischöfe (z.B. von Rom) sich durch Traditionsketten zu legitimieren, die möglichst bis hin zu den Aposteln reichen sollten. Dieses Verfahren unterscheidet sich in nichts von dem Bestreben späterer Philosophen, zu Sokrates, oder späterer Herrscher, zu Alexander (dem Großen - Herrscherideal der römischen Cäsaren) die Verbindung zu knüpfen. So entstanden nicht nur gefälschte Bischofslisten, sondern auch die Behauptung, dass Tradition die Reinheit der apostolischen Lehre garantiere. ... Aber die Kämpfe verlagerten sich nur auf andere Ebenen und wurden umso heftiger, je mehr Anhänger der Philosophenschulen und andere Gebildete Christen wurden. Ihnen gegenüber fühlten sich aber die kleinen Handwerker, Sklaven, Ungebildeten, denen das Christentum ein starkes Selbstbewusstsein gegeben hatte, als wahre Philosophen; teilweise wurden sie sogar noch bildungsfeindlicher, je mehr sie Bibelworte und oft unverstandene Begriffe verwenden konnten. Die Streitigkeiten, deren Leidenschaftlichkeit wuchs, hatte im Osten mehr spekulative, im Westen mehr praktische Gründe. Aber scharf lässt sich das nicht trennen. Überraschend ist nur, mit welcher Gehässigkeit sie ausgefochten wurden, besonders in den Zeiten, in denen die Kirche vom Staat in Ruhe gelassen wurde. Bischöfe und Laien, die wie Dionysios von Korinth (ca. 170), sich ehrlich um Frieden bemühten, waren selten und hatten wenig Erfolg. Es gab schon im 2. Jahrhundert zu viele Bischöfe, die ihre Macht besonders über die kleinen Kreise mit dem Charisma veritalis verwechselten” (Prop., Bd. 4-S. 456).
Diese beiden Formen - die hellenistische und lateinische Theologie - der Neuplatonismus und die Stoa, werden zum Maßstab der Kirche, vor der großen Wende – mit der das Christentum seinen Aufstieg zur Staatsreligion begann. Notwendige Reformen dazu waren noch nötig, doch der Weg dahin wurde durch die Theologie geschaffen, die es ermöglicht hat jüdisches Glaubensgut und messianische Hoffnungen, so der antiken Welt anzupassen, dass es die Welt erobert. Der Preis dafür war allerdings sehr hoch, die Verleugnung seiner Herkunft aus dem pharisäischen Judentum, die Verteufelung allen israelitischen und die Verketzerung des Judentums. Es mag nicht erstaunen, wenn z.B. auf der Synode von Elvira (306) es unter strengster Strafe untersagt wird, mit Juden zu essen, Mischehen einzugehen, ja der Kontakt mit Juden den Ausschluss von der Kommunion bedeuteten kann (Syn.Elv.c.16:49;78,etc.). Das Christentum ist hellenistisch geworden und begann mehr und mehr seine israelitischen Wurzeln nicht nur zu verleugnen, sondern zu beseitigen. Nicht nur Kult und Feiertage betraf dies, sondern ganz besonders den Juden Jeschua, der zum hellenistischen Jesus Christos wurde, ein Begriff, den das Judentum so nie kannte.
Noch heute können wir die antiken Bildnisse des Jesus Christos sehen, welcher mit dem Strahlenkranz des Sol-Invictus (römischer Staatsgott) und als Imperator Rex (göttlicher römischer Weltenherrscher), die neue Religion zum Siegeszug in Europa führte. Mit einem jüdischen Rabbi aus dem Dorf Nazareth wäre ein solcher Erfolgszug zu einer religionspolitischen Weltmacht, die letztlich zum einzigen Erbe des Imperium Romanum wurde, nicht zu machen gewesen. Es bedurfte der Integration der antiken Kulturen und Religionen, um diese Erfolgsgeschichte schreiben zu können. Allein das Christentum bot diese integrative Kraft an und hierin liegt das Geheimnis der Erfolgsgeschichte, die auf einem anderen Erdteil ein Mann Namens Mohamed kopierte und dort ebenso zum Erfolg führte. Das integrative Prinzip ist bei beiden Religionen, dem Islam und dem Christentum völlig identisch.



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