Ich möchte einmal diese Thematik aus einem ganz anderen Blickwinkel aufgreifen. Religionshistorisch ist diese Umstellung des Shabbat von Freitag / Samstag auf einen Sonnentag (Sonntag) wesentlich tief greifender und bedeutungsvoller. Es geht hierbei eben nicht nur um die lapidare Verschiebung eines Feiertages auf einen anderen Tag, sondern um die Abänderung eins ganzen Religionssystems, dass ganz wesentlich kalendarisch – rituell strukturiert ist.

Im Religionssystem Israels ist der Mondkalender der zyklisch Bestimmende, welcher das gesellschaftliche, kulturelle und religiöse Leben bestimmt. Wie wir aus religionshistorischen Studien der frühen Menschheit wissen, war der Mondkalender der Erste Kalender der Menschheit, nachdem sich Zivilisationen und deren Kulturen und Religionen ausrichteten. Wir sprechen hier von sog. matriarchalischen Gesellschaftsformen, die insbesondere im sog. fruchtbaren Halbmond (von Babylon bis Israel) vorherrschend waren. Im Verlauf der frühen Bronzezeit wird dieses System zunehmend von der patriarchalischen Gesellschaftsform verdrängt, in dessen Folge wir auch die Entwicklung zu Staatssystemen erkennen können.
In der Religion Israels haben sich beide Systeme erhalten und dafür ist nicht nur der Kalenderzyklus ein bedeutender Beleg, sondern noch wesentlich mehr die „Darstellung“ Gottes in der Umgangssprache, welche die Wechselseitigkeit von männlichen und weiblichen Attributen beinhaltet.
Waren in der menschlichen Frühzeit vornehmend weibliche Attribute Grundlage für Gottesdarstellungen (Fruchtbarkeitsgöttinnen, Jagdgöttinnen, etc) wurden diese Attribute in der Bronzezeit zunehmend männlich (Kriegsgötter, Heldengötter, Staatsgötter) und vor allem bestimmend.
Die Veränderung menschlicher Zivilisationsgesellschaften, weg von reinen Stammesgemeinschaften – hin zu Staatssystemen veränderte nicht nur das kulturelle Leben, sondern viel mehr noch das wirtschaftliche Leben. Aus einer reinen Bedarfsgemeinschaft, wie sie heute noch bei Urvölkern zu beobachten ist, wird eine Vorratsgemeinschaft – Wirtschaftsgemeinschaft, dessen Ziel letztendlich die Vergrößerung die Wirtschaftsmacht ist. Mit dieser Entwicklung wird der Mensch erst in die Lage versetzt aktiv und massiv, sein Lebensumfeld nach eigenen Gesetzmäßigkeiten zu gestalten. Der Mensch ist nicht mehr ausschließlich den natürlichen Gegebenheiten ausgesetzt, sondern verändert diese zu seinem Vorteil hin. Die Sesshaftwerdung des Menschen verlangte also neue kulturelle, wirtschaftliche und religiöse Systeme, die denen der Stammesgemeinschaft nicht entsprechen konnten.

In Israels Geschichte wurde dieser Fakt oft zum wichtigen Impuls für drastische Veränderungen, die letztlich aus einer losen Stammesgemeinschaft eine feste Staatsgemeinschaft prägten. Viele religiöse Vorgaben wurden mehrfach diesen Verhältnissen angepasst und auf die gesellschaftlichen, kulturellen, und religiösen Bedürfnisse hin reformiert. Die Bibel ist voll solcher historischen Beispiele. Allerdings war diese Entwicklung immer auch davon getragen einen Konsens von althergebrachten zu erhalten und genau das israelitische Kalendarium ist so ein „Tribut“ an die israelitische Urreligion, welche aus einer Stammesgemeinschaft entspringt.

Ein ganz wichtiges „Erfolgsgeheimnis“ der israelitischen Religion ist, dass es nie den Sprung zu einer reinen patriarchalischen Religion schaffte, gleich wohl diese Religion als solche bezeichnet wird und zur Mutter der zwei größten heutigen patriarchalischen Religionen wurde. Zwei ganz wesentliche Merkmale sind hier zu nennen. Israel entstammt nicht aus einer patriarchalischen Herkunft – es war eine Frau / Sara – die zur Mutter der Nation wurde auch wenn sie hinter die Patriarchen tritt, was sicherlich ein Produkt späterer Religionseinflüsse ist und es hat sich deutlich die dualistische Gottesschau mit weiblichen Attributen Gottes erhalten / Ansprache Gottes in weiblicher Form, Verbot von Gottesdarstellungen, Namenlosigkeit Gottes, Fruchtbarkeitsriten, Stellung der Frau innerhalb der Gesellschaft, etc.

Die Wandlung der israelitischen Religion in eine zunehmend Patriarchalische hat natürlich deutliche Spuren hinterlassen und man muß letztlich zur Kenntnis nehmen, dass diese Entwicklung zu ganz verheerenden gesellschaftlichen Folgen führte. Das diese Entwicklung vornehmlich die ersten Hochkulturen hervorbrachten und auch die israelische Religion ganz wesentlich beeinflusste ist ein Religionshistorischer Tatbestand und das letztlich auch unsere heutige Kultur dazu in direkter Nachfolge steht, ist ein historischer Fakt. Unsere heutigen Imperialistischen bzw. Kapitalistischen Gesellschaftsformen finden darin ihren Ursprung und auch die religiösen Machtbestrebungen aller heutigen Kulte finden darin ihre Ursachen inklusive schlimmster Begleiterscheinungen – bis hin zum Massenmord an Nationen.

Doch zurück zum Kalendarium. Das Menschheitskalendarium ist ein ganz entscheidender Hinweis für die Umgestaltung der menschlichen Gesellschaftsformen. Auch wenn heute noch Mondkalendarien in verschiedenen Kulturen und Religionen ihre Gültigkeit haben, so sind sie letztlich nur Makulatur, da ihre Bedeutung nicht mehr wesentlich für das wirtschaftliche und soziale Leben bestimmend ist. Und gerade hier spielt auch die religiöse Abkehr von diesem Kalendarium eine ganz wesentliche Rolle. In antiken Vorzeiten galt es als äußerst wichtig, die Macht über die Natur und dessen Gewalten auch als religiöse Macht zu verstehen. Danach wurden Götter bestimmt und forciert oder aber abgeschafft. Mit der Loslösung des Menschen aus seiner natürlichen Umwelt erübrigten sich besonders ganz universelle Gottesvorstellungen. Götter wurden dem modernen Lebenszyklen der Menschen angepasst, sie wurden z.B. sesshaft und spezialisiert. Deutlich lässt sich dies an Kultstätten und ihrer Architektur oder aber an der Aufsplitterung von einem Gott in viele spezielle Götter – je nach Bedarfslage – belegen. Es entstanden regelrechte Tempelgesellschaften die nicht nur Staatsgötter forcierten, sondern die zum gesellschaftlichen Lebensmotor wurden. Der Erfolg eines Staatssystems war immer auch an religiöse – göttliche Gegebenheiten gebunden. War ein Staatssystem erfolgreich, so war auch der Gott / Götter dieses Staates der richtige Gott und wurde zum Missionsmotor für imperiale Bedürfnisse – Erweiterung des Herrschaftsbereiches.

Am Erfolg des Christentums kann man das Gesagte sehr deutlich aufzeigen. Die Loslösung des Frühchristentums von seinen israelitischen Wurzeln und Hinwendung zum Hellenismus eröffnete dem Christentum den Zugang im Imperium Roman und letztlich die Möglichkeit der Erbschaft dessen. Bis dahin war es allerdings ein weiter Weg, der jedoch in seinen einzelnen Schritten gut nachweisbar ist. Ein Schritt davon war die systematische Loslösung aus dem israelitischen Kalendarium und Hinwendung zum Sonnenkalender und folglich auch der Hinwendung zu religiösen Vorgaben von sog. Sonnenreligionen – wie die des Imperium Romanum. Den deutlichsten Schritt tätigte Bischof Victor von Rom bereits im ausgehenden zweiten Jahrhundert, indem er seine Gemeinde romanisierte und sein Kalendarium dem des Imperium Romanum anglich, um in dessen Zivilisationsvorgaben Anerkennung und Zugang zu finden. Er war der Erste, der jüdische Kultfeiertage auf römische Kultfeiertage projizierte und diese miteinander verband. So wurde in der römischen Gemeinschaft erstmals der Sonnentag – geweiht dem höchsten Staatsgott von Rom, dessen Zeichen auch der Sonnenkranz ist – später im auch Christentum als Heiligenschein bekannt – zum Tag des Herrn benannt. Was von der übrigen Christenheit damals vehement abgelehnt wurde, ist unter Konstantin zur Gesetzmäßigkeit erklärt worden. „Nichts soll der Christ mit dem verhassten Juden mehr gemeinsam haben, auch nicht die Feiertage“! Dieser Beschluss auf dem Konzil von Nicäa ist nur der letzte Schlussstrich einer Entwicklung, die schon um 50 n.Chr. begann. Schaut man sich diese Entwicklung auch nur oberflächlich und Bildlich an, so sieht man sehr deutlich, wie innerhalb von nur 150 Jahren aus einem ehemals israelitischen Kult ein römisch – hellenistischer Kult wurde, der besonders in seiner Darstellungskraft in nichts den antiken Vorgaben hellenistischer Kulte nachstand. Angefangen von der Darstellung Gottes als Zeus bis hin zur Darstellung Marias als Isismythos und des Jesus als Helios Imperator Rex (Sonnengott), sind alle Elemente der vorgebenden Sonnenreligion erhalten. Hinter diesen bildlichen Darstellungen verbergen sich natürlich theologische Vorgaben, welche eben nicht in das Wesen einer „Mondreligion“ gehören, sondern dieser Wesensfremd – zumindest in entscheidenden Teilbereichen - sein muß. Das es natürlich auch innere Berührungspunkte gibt ist unbestreitbar, denn wie schon ausgeführt, trägt die israelitische Religion ebenso solche Entwicklungen in sich.

Die Ablösung des israelitischen Feiertages – des Shabbats – hat also sehr viele tief tragende Gründe. Letztlich ist diese Entwicklung jedoch für das Christentum nur eine der Wegmarken gewesen, um dass zu werden was es ist, nämlich Erbe der antiken Hochkultur des Imperium Roman zu werden, indem es dessen Gebräuche, Kultur, Religion, Gesellschaftsform, etc übernahm und mit anderen Vorgaben (Israelitische) verschmolz und zu einer neuen Religion formte, die Staatstragend und Gesellschaftsfähig wurde.

Für das Christentum ist es also durchaus wichtig, am Sonnentag festzuhalten, denn es ist ihr Kulturgut, ihr Erbe, dessen man sich verpflichtet fühlt und es stellt ein Gegenpol zu anderen Konkurrenzreligionen dar, die sich zu einem anderen Erbe verpflichtet fühlen. Beispielhaft ist hier der Islam, wo man in ganz ähnlicher Weise dessen religiöses Kulterbe nachweisen könnte.
Letztlich übernahm Israel selbst diesen Shabbat von den Ägyptern, ihr Kalendarium von den Kanaanitern und Babyloniern, der sich dann in der Antike zum Lunisolarkalender weiterentwickelte. Dieser Entwicklung trugen die biblischen Autoren immer Rechnung, um dessen Legitimation zu bekräftigen. Nichts anderes taten die christlichen Theologen, welche dann den Herrentag des Paulus zum Sonnentag wandelten und legitimierten.

Ich persönlich glaube nicht, dass Gott ein besonderer Wochentag als besonders heilig gilt, es sei denn, man geht davon aus, dass sich Gott menschlicher Kalendarien unterordnet. Viel mehr gehe ich davon aus, dass ein jeder Lebenstag heilig ist, denn Leben ist heilig und an einem jeden Tag unseres Daseins leben wir vor Gott. Es ist allerdings ein guter Brauch in besonderer Weise sich eines Tages innerhalb einer Woche zu bedienen, um dann gemeinschaftlich oder persönlich inne zu halten, um sich seines Daseins vor Gott bewusst zu werden. Wenn das die gläubige Menschheit denn auch einmal in ihrer Mehrheit tun würde, sehe unsere Welt sicher anders aus.

Absalom