Der kleine Straßenjunge
Er konnte kaum älter als sechs Jahre sein. Mit seinem schmutzigen Gesichtchen, barfüßig, mit zerrissenem T-Shirt und verfilzten Haaren, unterschied der sich nicht wesentlich von den etwa 100.000 Straßenkindern, die sich in Rio de Janeiro herumtreiben.
Ich war gerade auf dem Weg zu einem Café in der Nähe, als er plötzlich hinter mir auftauchte. In Gedanken teils noch mit der Arbeit, die ich soeben erledigt hatte, teils mit dem vor mir liegenden Unterricht beschäftigt, spürte ich kaum das leise Klopfen gegen meine Hand. Ich drehte mich kurz um, sah aber niemanden und ging weiter. Doch nach wenigen Schritten merkte ich es wieder, dieses leise, aber beharrliche Klopfen. Entschlossen blieb ich stehen und sah mich nach allen Seiten um. Und dann entdeckte ich ihn. Das Weiße seiner Augäpfel stach deutlich gegen die verschmierten Wangen und das pechschwarze Haar ab.
"Pao, senhor? (Brot, Herr?)
Wenn man in Brasilien lebt, hat man täglich Gelegenheit, einem dieser kleinen Ausgestoßenen ein paar Bonbons oder ein belegtes Brot zu kaufen.
Das ist das wenigste, was man tun kann. Ich forderte ihn also auf, mit mir zu gehen, und wir betraten gemeinsam das Straßencafé. "Eine Tasse Kaffe für mich und irgendetwas Gutes zu essen für meinen kleinen Freund hier!" Der Junge rannte zur Kuchentheke, um das Gewünschte auszusuchen. Normalerweise nehmen die Kinder ihr Essen in Empfang und machen sich ohne ein Wort aus dem Staub. Aber der Kleine überraschte mich.
Das Café hatte eine lange Theke. Auf der einen Seit gab es Kuchen, auf der anderen Kaffee. Während der Junge noch mit Aussuchen beschäftigt war, ging ich zum anderen Ende, um meinen Kaffee zu trinken. Gerade als ich meine entgleisten Gedanken wieder auf die richtige Schiene gebracht hatte, sah ich ihn wieder. Er stand auf Zehenspitzen im Eingang des Cafés, und sein Blicke überflogen aufmerksam die Anwesenden. "Was will er bloß", dachte ich.
Plötzlich hatte er mich entdeckt und kam eilig auf mich zu. Dicht vor mir blieb er stehen, etwa in Augenhöhe meiner Gürtelschnalle. Der kleine brasilianische Waisenjunge sah zu mir, dem großen Missionar, auf und sagte mit einem entwaffnenden Lächeln: "Obrigado". (Danke). Nervös einen Fuß auf den anderen reibend, setzte er hinzu. "Muito obrigado". (Danke vielmals).
Und plötzlich verspürte ich den unwiderstehlichen Drang, ihm das ganze Restaurant zu kaufen. Ehe ich aber noch etwas sagen konnte, drehte er sich um und entwischte durch die Tür.
Während ich diese Zeilen schreibe, stehe ich immer noch an der Kaffeetheke. Mein Kaffee ist längst kalt geworden, und dich weiß, ich werde zu spät zum Unterricht kommen. Aber mich erfüllt immer noch dieses gewaltige Glücksgefühl, das ich vor einer halben Stunde verspürte.
Und unwillkürlich drängt sich mir die Frage auf: Wenn ich schon so bewegt bin, nur weil ein kleiner Straßenjunge sich für ein Stück Brot bedankt - wieviel mehr muß Gott bewegt sein, wenn ich mir die Zeit nehme, ihm von ganzem Herzen zu danken, weil er mir meine Schuld vergeben hat.
(Max Lucado, aus: Lydia)
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