Das Leben wagen
Zuletzt bleibt uns nur das,
was wir verschenkt haben.
Manchmal habe ich Angst,
mein Leben könnte nicht gelingen.
Ich bitte dich, mein Gott,
lass mich im Labyrinth dieser Welt
meinen Weg finden.
Mit geliehenen Gedanken,
mit einem übernommenen Glauben
kann ich nicht der werden,
den du mit mir gemeint hast.
Meinen Weg suche ich,
auch wenn er sich nur mühsam
bahnen lässt
und die Bequemlichkeit ausgetretener Pfade
zuweilen verlockt.
Gib mir die innere Festigkeit,
zu dem zu stehen,
was ich vor dir
als richtig erkannt habe,
auch wenn ich unverstanden bleibe.
Gib mir den Mut,
mich von Altem zu lösen,
wo es seine Tragfähigkeit eingebüßt hat,
gebaute Zelte wieder abzubrechen,
wenn du mich weitergehen heißt,
Unbehaustheit zuzulassen,
bis neue Räume sich auftun.
Ein waches Herz erbitte ich,
das nicht menschlichen Ordnungen
Gehorsam leistet,
wenn du aus ihnen herausrufst.
Ich weiß, Gott,
dass ich mich täuschen kann,
auch da, wo ich mich
von dir geführt glaube,
aber ich will den Irrtum nicht fürchten,
will nicht ängstlich stehen bleiben,
denn du begleitest und segnest
meinen Weg,
wenn ich dich darum bitte.
Das Wagnis ist schön, mein Gott,
denn du lässt mich
auch über Umwege und Irrwege
nach Hause finden.
Aus: Antje S. Naegeli, Die Nacht ist voller Sterne,
Herder Verlag, 2001
Denn du bist mein Helfer, und unter dem Schatten deiner Flügel frohlocke ich. Psalm 63, 8
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