
Zitat von
sunigol

Zitat von
Lior
Das ist in meinen Augen etwas anderes, als wenn es nur darum geht mein eigenes Leben zu retten.
Und wenn es so ist? Ist das verwerflich? Wenn mir jemand aus meinem Glauben (der meine Privatsache ist und der denjenigen nicht das Geringste angeht) einen Strick drehen will - muss ich mich dem wirklich ausliefern? Ich finde nein.
Nein, so wollte ich es auch nicht verstanden wissen. Auch um des eigenen Lebens willen sich zu verleugnen finde ich nicht verwerflich. Wenn ich meinem Glauben treu bleibe. Wenn ich aber nur um mein Leben zu retten meinen Glauben nicht nur in Worten sondern auch in der Tat verleugne, mich ihm womöglich sogar zuwider verhalte, dann finde ich dies zumindest auch nicht sonderlich bewundernswert. Wenn ich eben z.B. einen anderen Menschen dem Tod ausliefere, nur um mich selbst zu retten. Was nicht heißen soll, dass ich denke Gott würde einen Menschen deswegen direkt verwerfen. Aber es ist auch in der Bibel die Rede von so einer Situation, oder? Wird es nicht irgendwann um die Frage gehen, ob man als Christ das Zeichen des Antichristen annehmen wird?

Zitat von
sunigol
Aber was, wenn es sich um einen rechtskräftig verurteilten Mörder handelt, der dummerweise seine Taten in einem Land begangen hat, in dem man für Mord mit dem Tod bestraft wird? Den seiner Strafe zu entziehen würde bedeuten, sich selbst mit der Justiz anzulegen. Und er würde, wenn man ihm zur Flucht verhilft, möglicherweise weitere Morde begehen. Wäre man dann dafür mittelbar verantwortlich?
Ja, das sind schwierigen Fragen. Ich glaube auch nicht, dass es hier pauschale Antworten gibt. Die Beurteilung der moralischen Situation hängt meines Erachtens von vielen verschiedenen Faktoren ab. Was setze ich für ethische Maßstäbe an? Was waren die Umstände der Tat? Halte ich das System, das ihn verurteilt hat grundsätzlich für legitim? Wie schätze ich den Charakter des Betroffenen ein? Ich meine es ist ein großer Unterschied, ob der Betroffene in Notwehr einen Menschen getötet hat, sein „Opfer“ aber dummerweise ein hoher Funktionär des totalitären und/oder faschistischen Systems war, welches ihn zum Tode verurteilte, oder ob es ein psychisch kranker Serienmörder ist, der auch in Zukunft vermutlich morden wird, wenn man ihm zur Freiheit verhilft. Und der - obschon ich die Todesstrafe nicht billige - von einem demokratischen System verurteilt wurde, das ich als ganzes als legitim ansehe.
Ich kann mir also Situationen vorstellen, in denen ich aktiv werden und dem Menschen zur Flucht verhelfen würde, andere in denen ich dem Menschen im Rahmen der Gesetze versuchen würde zu helfen und wieder andere, in denen ich aufgrund mangelnder Alternativen die Tötung eines Menschen auch gerechtfertigt finden könnte.
Ob man nun eine Mitverantwortung für die Handlungen jenes Menschen hat, dem man zur Flucht verhilft? Ich denke nur insoweit, wenn man mit der entsprechenden Handlung rechnen musste. Wenn ich einen Serienmörder zur Flucht verhelfe, der mir dafür dankt, dass er endlich wieder morden kann, dann sehe ich eine moralische Mitschuld. Wenn ich jedoch in gutem Glauben einem Menschen helfe, der später einem anderen Leid zufügt, dann würde ich das nicht bejahen.
Aber das ist nur meine persönliche Meinung ohne Anspruch auf allgemeine Verbindlichkeit.
Es sei bitte berücksichtigt, dass meine Besuche zeitweise durch lange Pausen unterbrochen werden. Sollte ich also eine an mich gerichtete Frage überlesen, bzw. nicht unmittelbar beantworten, dann ist dies bitte nicht als Ausdruck des Desinteresses zu werten - ggf. hilft auch mal eine Erinnerung.
Lesezeichen