Lieber Victor, ich kann deinen Ausführungen nicht nachfolgen!
Ganz bewusst habe ich beginnend klar gesagt, dass ich diese Aussagen als Außenstehender, als Betrachter tätige! Das sich für mich dabei in erster Linie eine Gesamtschau darstellt ist in sich logisch. Wenn du in einer gewissen Distanz vor einem Gebäude stehst, nimmst du nur schwerlich die einzelne Bausubstanz war, sondern doch eher den gesamten Gebäudekomplex. Schnell lässt sich dabei feststellen in wie weit dieses Gebäude in sich nach einem komplexen Plan entworfen ist oder aber aus einzelnen verschiedenartigen Baustilen entstanden ist.
Genau so schaute ich nur ganz kurz in meiner Betrachtungsweise auf das Gebäude Christentum!
Natürlich weiß ich auch, dass es im Christentum solche und solche gibt. Darüber braucht man nicht zu diskutieren! Das läst sich ebenso auf das Judentum projizieren und wer das diesem abspricht, wäre genau so blind, wie der, der von einer Einheit der Kirche sprechen würde.
Auch weiß ich sehr wohl um die überaus positive Entwicklung mancher Gruppen im Christentum um Annäherung und Verständigung zum Judentum. Doch weil ich genau darum weiß und wir in den letzten dreißig Jahren beidseitig vielerlei Gemeinsamkeiten und auch „Nettigkeiten“ gefunden haben, Verständnis und Solidarität gegenseitig zugesprochen wurde, stecken wir fest in einer Entwicklung, die nun ihre Kehrseiten aufzeigt. Es wurde nämlich versäumt die klaren Grenzen zu benennen, so dass heute gerade im Judentum Fragen gestellt werden, die den weiteren Sinn eines Dialoges aufwerfen. Dies geschieht nicht nur auf der Basis der immer mehr zunehmenden Judenmission in Israel aber vor allem den USA und Europa die in immer massiverer und aggressiverer Art betrieben wird, sondern der Erkenntnis, dass für das Judentum das Christentum eine eigenständige und fremde Religion ist, die sich in grundsätzlichen theologischen Aussagen unterscheidet. Man hat in der Tat versäumt und hier stimmen viele Befürworter dieses Dialoges und ebenso Theologen beider Seiten ganz klar überein, nicht klar genug die wesentlichen Unterschiede beider Religionen ins Bewusstsein der Menschen gestellt zu haben, so dass z.B. vielen Menschen gar nicht mehr bewusst ist, dass wir hier von zwei Religionen sprechen müssen, die gänzlich verschiedene Begriffswelten zu und von Gott haben.
Ein weiteres Problem ist das neue Selbstbewusstsein des Judentums gegenüber dem Christentum, welches sich nach 1700 Jahren schweigen zu Worte meldet und nun sogar für sich diesen Jesus neu entdeckt und auch geisteswissenschaftlich nach Hause holt (Martin Buber). Ihm seinen Spuren folgt und mehr und mehr entmystifiziert. Eine bittere Erkenntnis für so manch christlichen Theologen, der sich nun Fragen des Judentums gegenübergestellt sieht, die 1700 Jahre nie gestellt wurden. (z.B. Warum weigern sich alle christlichen Kirchen das jüdische Tenach als heilige Schrift auch für die Christenheit anzuerkennen? Der Verweis der christlichen Kirchen auf die fundamental verschiedenen Aussagen des christlichen AT. (Septuaginta) zur hebräischen Bibel, zeigt dem Judentum sehr deutlich, wie schwierig eine theologische Annäherung ist. Nur ein Beispiel von vielen!)
Wir dürfen nicht den Blick für das realistisch Machbare verlieren und vor allem muss eine Freundschaft auf Offenheit und Ehrlichkeit beruhen. Es wäre unehrlich wenn ein Jude zu einem Christen sagen würde: du bist mein Glaubensbruder, denn sie haben eben nicht den gleichen Glauben, ehrlich ist aber zu sagen Menschenbruder und hochgeschätztes Kind Gottes. Das kann ein Jude aus ganzem Herzen sagen, denn der Glaube Israels ist der Glaube an Israels Gott und nicht der, der ganzen Welt, doch Gott ist für die ganze Welt da! Im gleichen Atemzuge wird man aber auch erfahren, wer sich auf den Gott Israels beruft, der sollte diesem Gott auch folgen, seinen Wegweisungen und eben nicht denen der Welt. Und da hat Shomer recht, es fängt beim Shabbat an und geht hin bis zum Gott Israels als einzigen Gott, der allein nur die Macht hat zu erretten und sollte auch den Glauben an seinen Gesalbten (Messiaskönig) beinhalten, wie es seit weit über 2000 Jahren in den Gebeten Israels zum Ausdruck kommt.
Shalom Ben Chorin, einer der Wegbreiter des christlich jüdischen Dialoges, sagt: Wir haben kein Problem mit den Lehren Jesu ganz im Gegenteil, sie sind ein wahrhaftiges Zeugnis für den Gott Israels und auch nicht mit den Aussagen eines Paulus, sie spiegeln die Vielfalt im Judentum wieder, wir haben ein Problem mit dem Christentum, was sie aus dem Juden Jesus gemacht haben und mehr noch mit seinen Lehren, die unvorstellbares Leid über Gottes geliebtes Volk gebracht haben.
Hier, so denke ich, müssen wir ganz offen und klar das Kind beim Namen nennen um eben einen Dialog weiter zu führen, der Nicht in Schuldzuweisungen endet, sondern ganz klar die Ursachen der Verirrungen aufdeckt und uns lehrt, wie wir die Zukunft besser gestalten können, sich wieder findet, was eigentlich einst zusammen gehörte! Lohnt es sich nicht um diese Zukunft zu kämpfen?
Vielleicht bin ich mit meinen Gedanken schon zu weit in der Zukunft und vielleicht erwarte ich zuviel von dieser doch noch so brüchigen Freundschaft! Wichtig ist jedoch, ich habe meine Angst vor Christen verloren und wenn es nur das ist, so ist es schon ein großer Gewinn!
Samu



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