Im Netz gefunden:
Die Sprache Jesu – die Probe aufs Exempel
Vortrag von Dr. phil. Günther Schwarz
Sehr verehrte Damen und Herren!
Dank für die Einladung. Dank, dass ich unter Ihnen sein darf.
Wissen wir wirklich, was Jesus lehrte?
Diese Frage ist ernst gemeint und sie ist ehrlich gemeint und nicht als Provokation. Ein christlicher Theologe und ein gläubiger, überzeugter Christ würden auf diese Frage antworten: Selbstverständlich wissen wir, was Jesus lehrte! Klar doch! Aber ich denke, so klar ist das nicht. Warum nicht?
Wir haben Jesus nicht im Originalton. Wir haben ihn in einer Übersetzung, etwa in dieser hier, von evangelischen und katholischen Christen gleichermaßen benutzt (es muss die Einheitsübersetzung der Bibel gemeint sein). Eine Übersetzung aber kann das Original nie erreichen. Aus welchem Grunde nicht?
Original und Übersetzung haben einen breiten Graben zwischen sich: Den sprachlichen Graben. Das gilt für Übersetzungen aus einer lebenden Sprache in eine andere. Und was das Neue Testament betrifft, kommt ein weiterer Graben hinzu: Das Neue Testament, genauer: Die Evangelien stammen aus einer völlig anderen Geisteswelt als der unserigen.
Es musste also übersetzt werden. Nicht nur von einer Sprache in die andere, also vom Griechischen ins Deutsche, sondern es musste zudem übersetzt werden aus einer Geisteswelt, der semitischen, in eine völlig andere, die abendländische. Semitisch, das meint in diesem Falle das Aramäische und damit kommen wir auf den Untertitel:
Die Sprache Jesu – die Probe aufs Exempel.
Die Sprache Jesu war nämlich aramäisch. Eine Sprache, die vom Griechischen so weit entfernt war, wie heute etwa das Arabische vom Deutschen. Die Worte, die Gleichnisse Jesu aus dem Aramäischen ins Griechische zu übersetzen, war eine harte, schwierige, gefahrvolle Aufgabe. Damals gab es keine Wörterbücher. Es gab nur Wortlisten und man ging von der Annahme aus, dass das Wort in der Ursprungssprache, also aramäisch, dem Wort in der Zielsprache, also griechisch, so weit verwandt war, dass auch die Neben- und Unterbedeutungen mit eingeschlossen seien.
Und genau das ist nicht!
Das konnte man damals gar nicht wissen, weil es eine vergleichende Sprachforschung nicht gab. Es hing also unendlich viel an der sprachlichen Begabung, am sprachlichen Feingefühl, ob der Übersetzer das richtige Wort traf oder gar die richtige Bedeutung traf und es kam hinzu: Beim Übersetzen damals machte man sich kein Gewissen daraus, erklärende Gedanken, Wörter, Satzteile einzufügen. Man tat das einfach, da man glaubte, der Sache das schuldig zu sein. Nur was bei solchen Zusätzen am Ende heraus kam, war oft genug fatal, weil falsch.
Und nun, nachdem es ins Griechische übersetzt worden war, nämlich was Jesus gesagt und was er getan hatte, wurde es aus dem Griechischen ins Deutsche übersetzt. Und das ist so leicht auch wiederum nicht. Auch dabei konnten Fehler vorkommen, sind vorgekommen.
Was wir also haben in diesem Buch (Einheitsübersetzung der Bibel) ist die Übersetzung einer Übersetzung. Schon bei der ersten Übersetzung waren Fehler möglich und bei der Übersetzung aus der Übersetzung weitere Fehler möglich. Und mit denen müssen wir rechnen. Und damit Sie nicht meinen, dass ich das (nur) so denke, ein Zitat aus einem wissenschaftlichen Buch zur Sache: “Religion und Geschichte des Alten Testaments.” Dasselbe gilt natürlich auch fürs Neue. Zitat:
„Die Originale des Alten Testaments sind verloren. Der Text, den sie enthielten, ist uns überliefert, jedoch nicht fehlerfrei. In der Antike konnte ein Text nur durch Abschreiben vervielfältigt werden. Auf diese Weise mussten sich auf die Dauer Veränderungen und Fehler in den Text einschleichen.“
Das kommt noch hinzu: Schon beim Abschreiben wurden Fehler gemacht!1 Wir haben also mit drei Fehlerursachen zu rechnen:
Abschreibefehler, Übersetzungsfehler, Deutefehler.
Wenn ich jetzt die Frage stelle: „Wissen wir wirklich, was Jesus lehrte?“, dann müssen wir ehrlicherweise antworten: Wir können es gar nicht wissen. Die Kirchen mit ihrer Verkündigung können es gar nicht wissen. Sofern sie und solange sie sich berufen auf den Text des griechischen Neuen Testaments; nur darum geht’s ja bei der Lehre Jesu. Der griechische Text ist voller Fehler. Ich wage die Behauptung:
Es gibt nicht einen Spruch Jesu, der so überliefert ist, dass Jesus, würde ihm das zur Druckgenehmigung vorgelegt, ohne Bedenken unterschreiben würde. Es gibt vielmehr zahllose Texte, wo er sagen würde: „Was, das soll ich gesagt haben!“
Ich sage das nicht, um zu provozieren. Ich sage das aufgrund einer langen, langjährigen Beschäftigung mit dem griechischen Text und mit der Sprache Jesu. Eine Beschäftigung, die sich insgesamt erstreckte über die Zeit von 1946 bis heute und davon seit 1966 mit der Sprache Jesu, aramäisch. Das gibt’s nämlich, eine Übersetzung des Evangelientextes in eine aramäische Sprache. Eine aramäische, gemeint ist das Syrische, das heute noch von Christen, gar nicht weit von hier, in ihren Gottesdiensten benutzt wird. Nämlich in Gütersloh, wo wir, meine Frau und ich, zweimal zu Gast waren. Noch einmal: Heute wird in der syrisch-orthodoxen Kirche eine Sprache im Gottesdienst verwendet, die der Sprache Jesu sehr nahe kommt. Klar, dass ich diese Übersetzung mit verwende, aber sie ist nur ein Zugang zu der von Jesus wirklich gesprochenen Sprache, denn da gibt es doch noch Unterschiede. Ein Zugang, aber der soll benutzt werden!
Ein großer Theologe des ausgehenden 19. Jahrhunderts und beginnenden 20. Jahrhunderts, Julius Wellhausen, hat gefordert, dass jeder Theologe syrisch lernen müsse, weil der Sprache Jesu verwandt, wenn er kompetent über die Botschaft, die Lehre Jesu denken und reden will. Er hat dies geäußert 1904. Geschehen aber ist nichts. Und wenn Sie fragen: „Warum nicht?“, dann ist die Antwort seltsam. Ich komme gleich darauf. Stellen Sie sich vor: Jeder Theologe lernt Latein, lernt griechisch, lernt hebräisch für sein Studium. Nichts dagegen, notwendig. Aber mutet es nicht seltsam an, dass die Sprache, die Jesus sprach, nicht gelernt wird? Warum nicht? Und jetzt komme ich auf die Antwort: Würde jeder Theologe aramäisch und syrisch lernen, dann müsste er anders lehren, weil er dann entdecken würde:
Unendlich viel an dem, was gelehrt wird, stimmt nicht. Stimmt einfach nicht!



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