Zitat Zitat von Lior Beitrag anzeigen
Ich danke dir für deine Erklärungsbemühungen. Ich gebe zu, die Vorstellung dass sich Opfer und Täter anziehen kann ich ihrem Inhalt nach zwar als Konstrukt nachvollziehen, allein seine Implikationen stoßen mir unangenehm auf. Nicht nur, dass man damit z.B. den Juden eine „Mitschuld“ am Holocaust zusprechen könnte, wenn man es zynisch formulieren möchte, würde aus den Verbrechen des Nationalsozialismus gewissermaßen eine „Massenerlösungsveranstaltung“, da hier gleich Millionenfach den Seelen der Opfer gegeben wurde, was sie unbewusst benötigt haben. Womit man Hitler und seine Gefolgsleute fast zu einem weiteren Christus stilisieren könnte, der um des Heils so vieler Seelen willen seine eigene Seele mit so viel Leid und Schuld belastet hat..
Aber ich gebe zu, das ist eher als ein emotionaler Widerwillen zu werten, ich würde ihm aber daher nur einen geringen argumentativen Wert beimessen.
Hallo Lior,
Ich denke, man sollte nicht ein Pferd von hinten aufzäumen und die Implikationen, die eine Lehre haben könnte, zur Voraussetzung machen, ob diese nun richtig oder falsch sei. Was ich sagen will, man sollte zunächst immer bei dem bleiben, was wir wirklich wissen können bzw. überhaupt erst dahin kommen.
Ich kann deshalb nur von dem ausgehen, was ich weiß; und das sagte ich bereits, ist, dass Reinkarnation und Karma unbezweifelbare Tatsachen sind. Was nun das Karma betrifft, so ist es immer individuell. Auch bei einem Kollektivkarma erleben die Menschen die gleiche Situation aus ganz unterschiedlichen Gründen und zu unterschiedlichen Zwecken.
Deshalb wird zum Beispiel ein Täter nicht deshalb entschuldigt, weil er einem anderen etwas rückzahlt.
Überhaupt sind ja Reinkarnation und Karma kein Selbstzweck, sondern haben - wenn man so sprechen kann - das Ziel dem Menschen klar zu machen, worin das Leid überhaupt besteht und wo der Weg zur endgültigen Überwindung des Leides zu finden ist: Leid besteht eben in Abhängigkeiten und Leidfreiheit in der totalen Unanhängigkeit (Freiheit).
Wenn der Mensch nur ein vergängliches Wesen wäre, könnte er natürlich die Abhängigkeiten nicht überwinden, aber als unvergänglichem Wesen, ist die Freiheit seine wahre Natur. Sich befreien von den Abhängigkeiten ist dann also Gott- bzw. wahre Selbstverwirklichung.

Argumentativ aber habe ich dennoch ein Problem. Kann ein Mensch innerhalb eines Lebens einen Ausgleich schaffen indem er z.B. nach drei Vergewaltigungen 7,3 Kinder adoptiert und umsorgt? Wäre es also theoretisch möglich gewesen, dass Hitler – wenn er sich nicht umgebracht hätte und zum Gutmenschen geworden wäre – zu seinen Lebzeiten karmisch seine Verbrechen hätte aufwiegen können?
Wenn dies nicht der Fall ist, und die eigenen „Sünden“ in der nächsten Inkarnation aufgearbeitet bzw. gebüßt werden müssen, dann aber ergibt sich meiner Ansicht nach ein ähnliches Problem, wie ich es schon am Anfang der Existenz skizziert habe, als ich nach der ersten Ursache für Leiden gefragt habe. Denn wenn das Opfer nun als Ausgleich einen Täter braucht, ein Täter aber dadurch sein zukünftiges Schicksal als Opfer besiegelt, dann braucht der aktuelle Täter in seiner Zukunft als Opfer einen weiteren, zukünftigen Täter, der seinerseits wieder einen zukünftigen Täter benötigt…. usw. Wie aber könnte dies enden wenn nicht in einem auf die Zukunft bezogenen infiniten Regress?

Mit neugierigem Gruß
Lior
Darüber, dass nicht genug Täter dasein könnten, müssen wir uns gegenwärtig keine Sorgen machen. Die gibt es ja massenhaft. Aber esgeht im Grunde gar nicht um Ausgleich, sondern um Befreiung. Ausgleich geschieht eben nur dort, wo es mit der Befreiung noch nicht so recht klappt (d.h. weil man noch nicht einsehen will, wie wichtig Befreiung, also die Gnade ist).

LG,
Digido