Hallo Lily und auch Lelia,

ich empfinde eure Ängste und Nachfragen als sehr natürlich und auch gut. Es ist gerade für junge Menschen eine ganz schwierige Auseinandersetzung mit diesem Thema. Zum einen, man steht gerade in der ersten Blüte des Lebens, will es erleben - dieses Leben, will es auskosten und die Welt für sich entdecken. Wer denkt da schon gerne an das sterben, wo man doch kaum richtig gelebt hat? Zum zweiten fehlt einem dann doch noch die Lebenserfahrung, welche nicht selten, die Begegnungen mit dem Tod kaum kennt. Doch je älter man wird, desto häufiger werden diese Begegnungen und umso natürlicher erscheint einem dieser Lebensabschnitt. Und drittens, in unseren Genen steckt eine ganz gehörige Portion an Angst. Wir haben allein schon aus der Veranlagung heraus Ängste. Sie ermöglichen es uns, nicht ganz so blauäugig durch die Welt zu laufen, obwohl wir es trotzdem tun. Bei manchen Menschen könnte man wirklich meinen, sie glauben 2000 Jahre alt zu werden.

Als ich studiert habe, hat ein Professor uns einmal eine „Hausaufgabe“ gegeben. Er bat uns, einen ganz großen Spiegel uns zu besorgen, uns davor zu entkleiden (natürlich ein jeder für sich) und sich ca. ½ Stunde intensiv zu betrachten und dabei immer wieder zu sagen, dass was du heute siehst, wird irgend wann sterben, es wird tot sein, es wird nicht mehr da sein, andere Menschen werden dich nicht vermissen und das Leben geht doch weiter auf dieser Erde, ganz ohne dich, ohne deinen physischen Körper. Ich darf, sagen, dass sind wirklich psychische Grenzerfahrungen die man dabei durchlebt und nicht zu Unrecht kann ich die warnenden Worte unseres „Profs“ weiter geben, man sollte es nur dann tun, wenn man ein starkes Gemüt hat. Ja, man bekommt Todesängste dabei und seine ganz persönliche und eigene Endlichkeit wird einem sehr klar vor Augen geführt.

Wozu dieses Experiment? Es führt uns vor Augen, dass wir unser Ableben ständig aus unserem Dasein ausblenden müssen, damit wir leben können. Mit dem ständigen Gedanken an den Tod, könnten wir nicht leben, denn es würde sich daraus kein Sinn für auch nur irgendeine Aktion entwickeln. Man würde nichts lesen, arbeiten, ja überhaupt, man wartet eigentlich dann nur noch auf das bevorstehende Ende.

Ich kann euch nur Mut machen zum Leben, denn der Tod, wird sich noch früh genug bei euch melden, spätestens dann, wenn ihr schmerzlich Abschied von Geliebten nehmen müsst. Doch lebt zugleich auch so, dass ihr wisst, irgendwann wird dieses Leben vorbei sein und was werde ich für Spuren hinterlassen haben? Was danach kommt? Das ist in der tat Glaubensansicht und diese Hilft ganz sicher, dem bevorstehenden physischen Lebensende etwas gelassener entgegen zusehen. Ich bin mir aber ziemlich sicher, ein Jeder darf in seinen Lebzeiten – sofern er es möchte, einen kleinen Ausblick ins Jenseits erhaschen. Das gehört – zumindest für mich – mit zur Sterbevorbereitung und läst mich zugleich auch ganz ruhig werden.

Absalom