Hallo Kasper, man wird immer verschiedensten Einflüssen ausgesetzt im Leben. Zumal wir in einer globalen Welt leben, welche scheinbar einen grenzenlosen Austausch verschiedenster kultureller und religiöser Inhalte ermöglicht. Niemand wird davon verschont. Faktisch bin ich nicht frei von christlichen Einflüssen und damit auch geprägt von diesen gleichwohl ich nicht dieser Glaubensrichtung angehöre. In meinem Umfeld stehen Kirchen, ich habe christliche Freunde, ich erlebe christliches Brauchtum und nehme daran sogar Anteil, ich habe beruflich mit dem Fach Religionswissenschaften zutun und kenne von daher sehr gut die christliche Religions- und Theologiegeschichte. All das und vieles mehr prägt, ohne Zweifel. Allerdings bedeutet es eben nicht zwangsläufig, dass man sich dieser Religion zugehörig fühlt oder gar innerlich an ihr Anteil nimmt.Ich finde die unterschiedlichen Gedanken hier recht interessant, würde aber gerne eine Frage hierzu stellen. Ich verstehe durchaus was ihr Lily und Absalom meint, wenn ihr sagt "wir können hinterfragen". Aber würdet ihr tatsächlich behaupten, dass ihr völlig frei von Einflüssen der christlichen Prägung seid? Was ist mit moralischen Empfindungen, die aus unserer (christlich) traditionellen Erziehung resultieren. Z.B. das Recht und Unrecht-empfinden (du Lily weißt wovon ich spreche) oder unsere Einstellung zu bzw. unser Verständnis von abstrakteren Begriffen wie Liebe o.ä. Natürlich würde ich zustimmen, dass man nahezu alles hinterfragen kann, aber seid ihr euch sicher, dass ihr auch auf alle derartige Einflüsse aufmerksam werdet oder würdet ihr nicht auch einräumen, dass hinter bestimmten Selbstverständlichkeiten (die auch ihr nicht hinterfragt weil sie selbstverständlich sind) die christliche Tradition steht?
Für mich ist das Christentum ein buntes Sammelsurium verschiedenster anderer Religionen und das Christentum hat in seiner Geschichte - bereits in den Anfängen - diesen Weg der Religionsintegration beschritten. Was ist also klassisch christlich? Gibt es das überhaupt? Für mich gibt es das nur insofern, dass man sagen kann, das Christentum ist der geistige Erbe des Hellenismus und teilweise des antiken Spätjudentums geworden und dieses Erbe wurde dann auf andere Kontinente verbreitet und hat sich mit den jeweiligen örtlichen – religiösen und kulturellen Gegebenheiten vermischt. Deshalb erscheint das Christentum in seiner Gesamtheit auch so „bunt“ und zerspalten.
Noch ein Wort zum moralischen Empfinden des Christentums. Historisch gesehen, verschwindet dieses christliche Empfinden nur all zu leicht hinter der Geschichte des Christentums. Kein Ruhmesblatt bis in unsere Zeit. Die westliche Welt ist kulturell christlich geprägt und ich bezweifle ernsthaft, dass hier ein hoher moralischer Stellenwert auszumachen ist. Schaut man sich die Grundzüge der moralischen Lehransichten des Christentums an, so sieht es da schon etwas anders aus. Hier treffen wir auf jüdische Moralaussagen ebenso wie auf stoische und neuplatonische Verständnisbilder. Das Christentum und seine Lehren haben sich eben nicht selbst erfunden. Jeshua – Jesus selbst hat in den Kategorien seines damaligen Judentums gelehrt und übrigens nicht immer im Sinne unseres heutigen moralischen Anspruches (man denke nur an das Schimpfvokabular gegenüber Heiden).
Zusammenfassend kann man sagen, ja es gibt Einflüsse, doch ich weiß auch woher diese Einflüsse letztendlich resultieren und hier kann ich dann wieder sagen, der scheinbare christliche Selbstanspruch an eine eigene Ethik und Moral ist in Wirklichkeit das Produkt verschiedenster Prägungen (jüdisch, griechisch, römisch, etc.). Diese wurden durch das Christentum lehrhaft verbreitet und nur selten vorbildhaft gelebt. Hier trennt sich dann Spreu von Weizen. Demnach kann es mir nicht ein praktisches Vorbild sein, sondern nur theoretisches und dann kann ich auch gleich selbst im Judentum, Hellenismus und Heidentum nachlesen, denn genau dort finden sich diese Aussagen auch wieder. Es kommt letztendlich auf einen selbst an, wo man die Messlatte und Eigenverantwortlichkeit des moralischen Selbstanspruches ansetzt. Das dann umzusetzen und Wirklichkeit werden zu lassen ist wahrlich Aufgabe genug, dazu benötigt man eigentlich keine Religion, höchstens Vorbilder, und davon gibt es wahrlich einige.
Absalom



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