9 - Mallorca für Amerika

Trotz unseres Besuchs ging für Jana alles wie gewohnt weiter. Viel freie Zeit blieb ihr nicht in der Woche. Gegen 16:30 Uhr kam sie nach Hause und setzte sich sofort an ihre Hausaufgaben. Bei der Planung für den nächsten Tag erfuhren wir, dass sie sich schon mit ihren Leuten verabredet hatte. So hatten wir also keine Chance sie zu sehen.
Der Wetterbericht im Fernsehen versprach nur Gutes. Peter schlug vor, ans Meer zu fahren. Er kennt mich schon gut und wusste, dass dieses Ziel wohl so ziemlich das Einzige war, was mich von dieser Naturidylle weglocken könnte. Ich zögerte keine Sekunde und packte ein paar Sachen zusammen.
Nach dem Frühstücken stiegen wir ins Auto. Als der Sicherheitsgurt eingerastet war, flog sofort ein großer Stapel Karten auf meinen Schoß. Peter piekte mit dem Zeigefinger auf den Punkt, wo wir uns gerade befan-den und danach auf einen weiteren, wo wir heute hinwollten. „Na toll!“ dachte ich. Was Peter an diesen Kar-ten liebte, dass schien mir zu missfallen, diese Unmengen von Namen und Nummern!
Wenig später war wieder so ein typischer Fall. Du denkst, du weißt genau wo du bist, hast alles in Griff! Schon standen wir ohne Vorwarnung an der Kreuzung. Ich sah das Schild mit Zahlen, die ich nie zuvor gele-sen hatte. Es beginnt mit dem großen Zweifeln - die Entscheidung fällt – natürlich die falsche Abfahrt! In sol-chen Situationen ist Peter sehr tolerant. Gerne und in aller Ruhe wendet er, um wieder auf den richtigen Weg zu kommen.
So richtige Dörfer gab es gar nicht auf dem Lande. Irgendwie wohnten überall Leute. So gab es auch keine Ortseingangsschilder, so dass man selten wusste, wo man sich gerade befanden. An den Abfahrten der gro-ßen Bundesstraßen las man immer wieder im Wechsel die Ankündigung der verschiedenen Fastfood Buden. Wir kannten sie inzwischen alle. Mindestens fünfzehn verschiedene Namen könnte ich aus dem Stand auf-zählen. Unser Hunger war noch nicht groß genug und wir konnten uns nicht für eine entscheiden. So rollten wir auf der US-Bundesstraße Highway 17 immer weiter nach Nordosten, nahe der Grenze zu North Carolina.
Gegen Mittag erreichten wir Myrtle Beach. Die Stadt ist heute das Mallorca der Amerikaner. Die Preise sind erschwinglich. Es ist einer der bedeutendsten Urlaubsorte an der amerikanischen Ostküste. Es gibt jede Men-ge Freizeitparks, Golfplätze und Theater. Wir parkten unser Auto irgendwo in der zweiten Reihe und stiefelten erst einmal in Richtung Meer. Es gab jede Menge Cafes, Bars und Restaurants. Alle waren geschlossen. Ein 4-D Kino hatte einen brüllenden Dinosaurier an der Hauswand. Es war ein riesiger T-Rex und er konnte sein Maul weit aufreißen. Aber es reichte nicht, um uns am helllichten Tag in diese Dunkelkammer zu locken.
Wir wollten jetzt den Atlantik sehen. Kurz hinter den Häusern tauchte er vor uns auf. Wir gingen zum Wasser und ich tauchte meine Hände ein. Es schmeckte salzig und sofort steigerte sich die Lust hineinzuspringen. Die Wellen schoben eine nach der anderen den weißen Schaum an Land, und mein Badeanzug lag im Auto! Der Strand war spiegelglatt und ohne Steine. Wir schlenderten ein Stück. Ganz vereinzelt fand ich ein paar Muschelteile, die schon nach etwas größeren Lebewesen aussahen. Ein paar riesige Möwen beobachteten uns und die etwas kleineren Vögel liefen um ihre Beine Slalom. So weit das Auge reichte, ein Hotel neben dem anderen und weit und breit kein Mensch in Sicht. Das ist Urlaub pur!
Vor uns stand das Hotel mit dem Namen „Holiday Inn“. Diese Kette wurde uns vielfach empfohlen. Wir fan-den den Eingang und checkten ein. Warum lange suchen! Der Preis stimmte, alles klar. Wir holten unser Auto und besichtigten erst mal unsere Zimmer in der 5.Etage. Mir fiel sofort auf, dass die Bettdecke und die Gardinen das gleiche Muster hatten. Der Stoff war dennoch unterschiedlich. Die Gardinen waren aus glän-zendem Satin. Wir schoben sie weit auf und öffneten die Tür zum Balkon. So genossen wir eine Zeit das Rauschen des Meeres.
Wir spazierten an den vielen Hotels entlang. Für die Kinder hatten sie riesige Anlagen gebaut, als Spielplatz und für Minigolf. Ab und an fegte ein Mitarbeiter den Gehweg, oder eine kleine Baubrigade tat ihr Werk. Wir schauten in einen kleinen Laden. Auf bunten, blauen, gelben und roten T-Shirts stand der Schriftzug Myrtle Beach. Quitsch bunte Kleidung überall. Muschelkästchen, Tassen und Teller mit Aufdruck. Ich hatte meine Hände provokativ tief in der Hosentasche, weil es bei dem Angebot keine Veranlassung gab, sie dort heraus-zuholen.
Kurz darauf lächelte uns die Leuchtreklame von Burger King an. Wir brachen nicht gleich in Jubel aus, aber auf einen heißen Kaffee freuten wir uns schon. Natürlich gab es auch einen kleinen Burger, denn wir wussten ja nicht, wann wir etwas anderes finden würden.
Peter hatte in einem Prospekt die Werbung gesehen, von einem Hardrock Cafe in einem großen Komplex, mit vielen Restaurants und Geschäften: „BRODWAY AT THE BEACH“ Der sollte also irgendwo in der Rich-tung sein, in die wir schlenderten. Langsam setzte auch die Dämmerung ein. Wir dachten: Sicher hinter der nächsten Kreuzung. Da war aber noch nichts! Neugierig trieb der Hunger uns voran. Es wurde dunkler. Wir zwei bescheuerten Deutschen trabten immer noch alleine durch die Nacht. Kein Wunder, dass wir keine Men-schenseele trafen, solche Strecken fährt man einfach mit dem Auto. Irgendwann erreichten wir die Einfahrt. In der Mitte des riesigen Parks sahen wir den Parkplatz und an dessen Seite die Lichter der Gaststätten. Aber auch bis dahin konnten wir nicht fliegen. Mit Mühe und Not erreichten wir unser Hardrock Cafe. Es war eine hübsche große Pyramide mit großen Palmen an beiden Seiten. Wir gingen hinein. Durch das Geschäft er-reichten wir erstaunt das Restaurant. Es waren einige Leute dort, von denen man erwartet, dass sie wissen was schmeckt. So ließen wir uns erschöpft nieder. Das erste Bier leerten wir gleich mit dem ersten Zug. Wäh-rend wir in der Speisekarte blätterten, sahen wir, wie am Nachbartisch ein Riesenteller mit wahnsinnigen Mengen serviert wurde. Wir stutzten und einigten uns dann darauf, erst mal gemeinsam so eine Portion zu verspeisen. Es gab richtig leckeres Essen, mit verschiedenen Fleischsorten, gebratenen, panierten Zwiebel-ringen, Salat und viele Soßen. Den Gedanken, die ganze Strecke wieder zurück zu laufen, hatten wir schnell verworfen. Im Taxi war die Fahrstrecke schnell überwunden. Wir fragten unsere Taxifahrerin und sie erzählte uns, dass es 4 Meilen, also 6,5 km waren.
Der Morgen färbte den Himmel in den schönsten Farben. Er leuchtete durch den kleinen Spalt der Gardinen, die Peter zur Seite zog. Vor uns lag das Meer, mit seiner unendlichen Weite. Die Sonne begann sich am Ho-rizont zu zeigen. Vom Bett aus sahen wir zu, wie sie langsam höher und höher stieg. Ein toller Sonnenauf-gang! Dann verschwand der leuchtende, orange Ball unter einer Wolkenschicht, und auch wir drehten uns genüsslich noch einmal um.
Später begrüßte ich den neuen Tag auf dem Balkon. Die Wellen waren noch etwas kräftiger geworden. Ich dachte: „Unsere Ostsee braucht sich wirklich nicht verstecken!“ Während Peter seine Tasche zusammen-packte und dann „für Stunden“ im Bad verschwand, überlegte ich, ob ich nicht ins Meer springe. Einmal im Atlantic baden? Ich wusste, dass man mir diesen Wunsch nicht von den Augen ablesen konnte. Sollte ich nun in den Tagesablauf eingreifen und meinen Willen durchsetzen? Der Entschluss stand fest.
Wir checkt im Hotel aus und verstauten unser Gepäck im Auto. Ich erklärte Peter mein Vorhaben. Kein Prob-lem! Es war nicht so ungewöhnlich, als dass Peter sich darüber wunderte. Ich breitete mein Handtuch aus und schlüpfte in Windeseile in meinen Badeanzug. Nur nebenbei sei erwähnt, dass ich auch hier die Einzige war. Ich wagte mich hinein. Es kribbelte an den Beinen, denn das Wasser war richtig kalt. Der Sand wurde unter den Füßen weggespült. Einige Male lehnte ich mich gegen die Wellen, und sie zerbrachen an meinem Körper, an dem die Hamburger auch nicht spurlos vorbei gegangen waren. Gerne hätte ich jetzt einmal auf den Grund des Bodens geschaut, mit Tauchermaske und Schnorchel nach der Tierwelt gesehen. Aber diese Ausrüstung hatte ich bewusst im Auto gelassen. Denn der Kopf war nicht im Wasser, das will schon was hei-ßen. Auf den Balkons unseres Hotels hatten sich bereits einige Zuschauer eingefunden, die eine Verrückte beim Morgenbad beobachteten. Als ich völlig munter und gut durchblutet wieder auf meinem Handtuch saß, kam auch gleich ein Polizeiauto mit blinkenden Lichtern an. Peter stand mit dem Fotoapparat schützend vor mir. Doch sie zeigten kein Interesse und fuhren zum Glück langsam an uns vorbei
Wir führten unseren Erkundungsgang am Broadway dieser kleinen Touristenstadt dort weiter, wo wir am A-bend aufgehört hatten. Allerdings fuhren wir natürlich mit dem Auto hin. Es war gar nicht weit. Auch zu dieser Zeit waren kaum Leute unterwegs. Vor dem Hardrock Cafe nutzte ich die Gelegenheit, um mich endlich mal auf eine Harley zu setzen. Ich startete, und mit lautem Geräusch fuhr ich langsam los. Quatsch! Man glaubt doch nicht alles! Das Ding war am Eingang fest verankert und bewegte sich natürlich keinen Meter.
Einen Augenblick hatten wir beide Freude daran, an den Schaufenstern entlang zu bummeln. Ein, zwei inte-ressante Läden schauten wir sogar von innen an, und wir waren froh, dass wir nichts zu kaufen brauchten. Die Anlage hatte viel Wasser, zahlreiche Brücken und war wie ein Vergnügungspark aufgebaut.
Das war unser Myrtle Beach. Leider mussten auch die letzten Besucher diese Stadt verlassen. Wir setzten uns in unser Auto und mit der Karte in der Hand lotste ich Peter wieder in Richtung Lancester.