Lieber Medio.
Ich freue mich, dass wir die Gelegenheit haben im gemeinsamen Gespräch unsere Positionen und Gedanken zu präzisieren und dadurch auch klarer zu umreißen. Das gibt mir die Gelegenheit deine Skepsis bezüglich der Begriffe besser zu verstehen, und ich muss zugeben, dass die umgangssprachliche Verwendung sicherlich mehr impliziert, als ich beabsichtigen würde. Insofern wäre es also tatsächlich eine Überlegung, ob man Begriffe wie „Fundamentalist“ nicht lieber vermeidet und mit ein paar mehr Wörtern umschreibt.
Den Unterschied mache ich persönlich da, wo ein Mensch seinen Glauben für sich lebt, und dort wo er ihn auch für andere als verbindlich ansieht und sie zu Verhaltensweisen nötigen will, die nicht ihrem Glauben entsprechen. Ich kenne Christen, die den Glauben ihres Partners als falsch ansehen, aber darauf vertrauen, dass Gott ihnen früher oder später die Erkenntnis schenkt und sie bis dahin ein lebendiges Zeugnis geben können. Andere Christen wiederum sehen es als ihre Aufgabe nichts unversucht zu lassen, den Partner in seinem Glaubensleben zu stören oder sich geringschätzend darüber zu äußern. Und hier würde ich eben dem „heidnischen“ Part raten, sich eine solche Partnerschaft gut zu überlegen. Und du scheinst ja grundsätzlich ähnlicher Meinung zu sein, wenn du – in deinem Fall aus christlicher Perspektive – deine Zweifel am Sinn einer solchen Beziehung bekundest.
Was nun die Frage nach einem wahren Christen betrifft, da bin ich etwas verhaltener in meiner Beurteilung und auch in meiner Definition. Ein Christ ist für mich in einer Minimaldefinition erst einmal ein Mensch, der sich zu Christus bekennt und für sich in Anspruch nimmt seinen Lehren zu folgen. Natürlich ergibt sich im weiteren die Frage, was das nun tatsächlich bedeutet. Und obschon für die meisten hier die Bibel sicherlich Grundlage ist, sehe ich die Meinungen hier weit auseinander gehen. Letztlich sind es Menschen, die eine von ihrem Verständnis abhängige Interpretation dessen konstruieren, was Christsein ihrem Verständnis nach umfasst. Oder anders gesagt, wenn ich die über 200 Denominationen und eine in die Tausende gehende Vielzahl an persönlichen Ansichten sehe, dann kann ich deiner Vorstellung von einer „klaren Definition in der Bibel“ nicht folgen – ich sehe hier vielmehr eine sehr vielfältige Rezeption – und auch hier gibt es mehr als genug Rezipienten, die das Reden von z.B. der Waffenrüstung wortwörtlich nehmen und sich selbst als Gotteskrieger sehen. Und um ganz offen zu sein.... ich habe mit vielen Christen Kontakt, aber Toleranz ist nach meinen Erfahrungen nicht unbedingt ein gemeinsamer Nenner – ohne nun damit eine Aussage über den Kern des Christentums treffen zu wollen.
Vielen Dank für deine Ergänzung zu meinem Ausdruck des Fürwahrhaltens. Um mich dahingehend vielleicht etwas verständlicher zu machen.... wenn ich diesen Terminus verwende, dann letztendlich deshalb, weil ich keinen Konflikt sehe, meinen Glauben auch als Fürwahrhalten zu verstehen. Bezugnehmend auf die von dir zitierte Textstelle würde ich meinen Glauben an Gott ebenfalls als „Feststehen“ bezeichnen, allerdings ist mir zugleich bezüglich der daraus resultierenden Konsequenzen meine Unvollkommenheit als Mensch und damit die meiner Natur innewohnende Möglichkeit des „Sich-irren-könnens“ bewusst. D.h. ungeachtet meines Glaubens an Gott, ist mir die Endlichkeit meiner Erkenntnis bewußt, weshalb ich mich nur immer wieder um die Erkenntnis der Wahrheit bemühen kann, ohne den Anspruch zu erheben, sie auch vollumfassend zu verstehen und zu besitzen.
Allerdings sind wie mir bekannt nicht wenige Christen davon überzeugt, dass sie im Verstehen der Schrift Gott gleich sind, nämlich allwissend und –verstehend und über jeden Zweifel erhaben. Insofern sieh mir meine Formulierung nach – ich denke dies ist ein Missverstehen aus unseren unterschiedlichen Glaubensansichten. Und insofern kann ich auch deine Haltung zur Lebendigkeit nicht-christlicher Glaubensbeziehungen nachvollziehen und auch respektieren, allein zustimmen kann ich ihr nicht.
Aber das sollte ja für uns kein Problem sein, denn da wir beide offensichtlich um Toleranz bemüht sind, werden wir unsere jeweiligen Ansichten gelten lassen können.^^
Ich freue mich jedenfalls über die Möglichkeit mich mit dir auszutauschen und möchte dir ganz allgemein dafür danken, dass du deine Gedanken mit uns teilst.
Herzlichen Gruß und ein gesegnetes Wochenende
Kasper



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