
Zitat von
firefly
ich dachte dabei eher globaler, so wie- wenn die Seelen aller Menschen zum Ursprung zurück kehren (oder wie du sagst, nie getrennt sind davon), wieder (oder immer) eins sind, was ist dann Sinn des materiellen Lebens, des Lebens wie wir es im jetzt haben?
wenn sich unsere Seelen nichts merken oder davon irgendwie geformt sind, warum bleiben sie nicht ohne Körper im "Eins".
Ah ja, jetzt verstehe ich was du meinst. Es ist ein bisschen so wie die berühmte Frage: "Warum ist überhaupt etwas und nicht nichts?" Da gibt es ja nicht nur religiöse, spirituelle, oder philosophische Antworten drauf, sondern auch physikalische...
Also es ist so, dass im Neuplatonismus Metaphern wie "Übersprudeln", "Überströmen", "Entströmen" oder auch der Begriff Emanation genutzt wird, um den Hervorgang der Welt aus dem Einen zu veranschaulichen. Es werden sogar bei manchen neuplatonischen Autoren genaue Angaben darüber gemacht in welchen und wie vielen Stufen die Welt und alle Einzeldinge aus dem Einen "absteigen". Darüber könnte ich jetzt seitenweise Schreiben, aber ich sag mal so: Das Eine, ist ein lebendiges Eines. Also quasi eine dynamische, nicht starre und unbewegliche Einheit.
Etwas, was lebendig, dynamisch ist und sich in seiner Bewegung auf sich selbst (also auf etwas Seiendes, Lebendiges) bezieht, ist nicht leer, sondern ganz im Gegenteil, übervoll und aus dieser Überfülle strömt dann sozusagen die Welt, das Seinende und alles Einzelne, Lebendige (ähnlich wie ein Gefäß das überläuft, oder wie überkochende Milch :-)).
Wie gesagt, das darf man bitte nur metaphernhaft verstehen und nur als veranschaulichendes Bild. Es ist nämlich z.B. so, dass die Welt zwar aus dem Einen entströmt, also hervorgeht, das Eine dadurch aber nicht gemindert, also leerer wird. Das Eine drückt sich sozusagen vielmehr in seiner Überfülle in dem Sein, den Bildern und Vorstellungen der materiellen Welt aus.
Wenn du das bisschen genauer verstehen möchtest, dann hilft dir vielleicht folgender Link zum Thema Neuplatonismus: https://de.wikipedia.org/wiki/Neuplatonismus. Da wird unter anderem thematisiert, wie der sogenannte Nous (das ist der reine Geist, der reine Intellekt, das reine Sein) und die Weltseele aus dem Einen hervorgeht.
Meister Eckhart hat nun, wie gesagt, in der Vorstellungswelt des Neuplatonismus gedacht. Der Neuplatonismus war sozusagen auf die gleiche Art und Weise sein Weltbild, wie wir heute meistens ein materielles Weltbild des hypothetischen Realismus haben.
Und so wie das Eine, der Nous und die Weltseele für die Neuplatoniker eine Dreieinheit darstellten, dachte auch Eckhart, nur identifizierte er diese Dreieinheit metaphernhaft mit Vater, Sohn und Heiligen Geist. Porphyrios, ein berühmter Neuplatoniker hatte einst dieses Verhältnis zwischen dem Einen, dem Nous und der Weltseele genauer beschrieben und aus seinen Gedanken hat sich dann im Christentum der Gedanke der Dreieinigkeit herausgebildet. Wenn wir im Christentum heute also von einem dreieinigen Gott sprechen, dann ist das in seinem Ursprung tatsächlich ein neuplatonischer Gedanke, der und das ist der Witz an der Sache, von einem Menschen erdacht, entwickelt wurde, der auch eine Schrift mit dem Titel "gegen das Christentum" verfasst hat (eben dieser Porphyrios). Aber das nur nebenbei...
Für Eckhart ist das Leben ja wie gesagt ohne Warum! Wenn man ihn also fragte, warum ist das Leben, warum lebst du, würde er wohl sagen, "ich lebe, um zu leben" und das hat er auch tatsächlich getan:
"Wenn das Leben fragte tausend Jahre lang: "Warum lebst du?", wenn es überhaupt antwortete, würde es nur sagen: "Ich lebe, um zu leben!" Das rührt daher, weil das Leben aus seinem eigenen Grunde lebt, aus seinem Eigenen quillt; darum lebt es ohne Warum: es lebt nur sich selber! Und fagte man einen wahrhaften Menschen, einen, der aus seinem eigenen Grunde wirkt: "Warum wirkst du deine Werke?", wenn er recht antwortete, würde er auch nur sagen: "Ich wirke, um zu wirken!"
Du siehst also, für Eckhart stellt sich gar nicht die Frage, wieso und warum er überhaupt lebt, als Mensch, als Kreatur. Für ihn kommt das Leben direkt aus der Einheit, dem Einen und weil das Eine ohne Grund ist, ist auch das Leben ohne Grund. Ein berühmter Satz Eckharts lautet: "Das Leben ist ohne Warum". Mittelhochdeutsch: Das Leben ist sunder warumbe. Das ist, nebenbei gesagt, auch ein ganz wesentlicher Aspekt des eckhartschen spirituellen Denkens "geistiger Armut".
Das Leben ist für Eckhart also ohne Warum und entsprechend nicht geschaffen, sondern immer schon da. Wenn es aber immer schon da ist, dann muss es sich auch in etwas, was auch da ist, ausdrücken, es muss Leben in (irgend)etwas sein und also muss es Lebendiges geben. Vielleicht ist das auch Hinweis darauf, weshalb es uns gibt?

Zitat von
firefly
Das verstehe ich an deinem Glauben nicht, denn für mein Leben ist es Sinn des Ganzen, dass meine Seele geprägt wird (durch Begegnungen, Erlebnisse, Menschen) wie ich selbst auch möglichst gut helfen möchte, andere Menschen zum Guten zu formen, zu begleiten, Halt zu geben, deren Leben bunter zu machen oder leichter, oder ... naja eben irgendwie das Leben so mit zu gestalten, wie es " gut" oder gar "Sehr gut" wäre.?
Meine Seele, soweit ich Kreatur, soweit ich Mensch bin und hier auf dieser Erde lebe, wird ja natürlich auch geprägt, aber diese Prägungen verleihen mir keinen Sinn. Sie sind nichts, an dem ich festhalten wollte, denn solange ich an ihnen festhalten würde, würde ich ja am Unterschied festhalten und ich will aber doch nicht unterschieden sein von Gott, sondern ich möchte eins sein mit ihm.
Auch hier kommt wieder das "spirituelle Konzept" der geistigen Armut ins Spiel, denn arm ist der Mensch laut Eckhart, wenn er nichts will, nichts hat und nichts weiß. Und solch ein armer Mensch hält dann nicht länger am Unterschied fest! Er ist so arm, dass er nichts für sich zurückhält und in so einen armen Menschen muss sich Gott mit all seinem Sein ergießen, lehrt Meister Eckhart.
Aber hier kann man dann auch durchaus noch den Reinkarnationsgedanken mit ins Spiel bringen, den ich persönlich ja auch nicht rundheraus ablehne. Denn was ist denn, wenn ein Mensch nicht geistig arm werden möchte, wenn er also an seinen Eigenschaften, am Unterschied, an seinem kreatürlichen Sein, seiner Individualität festhalten möchte? Dann ist ja die Seele nicht so arm, dass Gott sich darin vollständig ergießen könnte...
Ich denke diese Situation könnte dann durchaus dazu führen, dass diese Seele nach dem Erdenleben nicht einfach in die Einheit "zurückfließt" (wenn sie auch immer substantiell mit der Einheit verbunden bleiben wird!), sondern aufgrund des Festhaltens an persönlichen Eigenschaften und also dem Unterschied zwischen ihr und Gott, erneut in ein kreatürliches Wesen reinkarniern muss, weil sie eben an Kreatürlichem festhalten wollte - es ist sozusagen also ihre eigene, freie Entscheidung gewesen nicht (direkt) in die Einheit zurückzukehren.
Diese Vorstellung lässt sich sogar noch weiter spinnen, denn es wäre auch noch durchaus vorstellbar, dass solch eine Seele, ihrer persönlichen Eigenschaft gemäß (die sie im Leben herausgebildet hat und an der sie nun festhält), in eine andere, von unserer Welt also unterschiedenen Welt, reinkarnieren muss.
Eine "kriegerische, unfriedliche Seele" könnte sich dann z.B. in einem kriegerischen, friedlosen Umfeld wiederfinden, wo sie dann auf's Neue frei darüber entscheiden kann, ob sie an ihren Eigenschaften festhalten mag, oder nicht, oder vielleicht auch andere Eigenschaften entwickeln will und dann an diesen festhalten mag, oder eben nicht.
Das sind aber lediglich provisorische Vermutungen und Spinnereien. Letztlich verstehe ich davon nichts!

Zitat von
firefly
NIcht das ich persönlich Spuren hinterlasse aber vielleicht der "EINE" /Das EINE(?) durch mich, bis meine Seele heim kehrt...
Also größer gedacht- wieso leben wir Menschenseelen hier in Körpern, wenn unsere Seele doch, naja sagen wir, dort oder dann ohne körperliche "Störungen" oder ähnliches eben ohne Leben EINS sein können?
Du darfst dir bitte das Eine nicht so vorstellen, als ob da ganz viele, individuelle und unterschiedliche Seelen leben und eine Einheit bilden würden, sondern in der Einheit gibt es keine Individualseelen, sondern eben nur das Eine.
Unsere "menschlichen Individualseelen" hier auf Erden, vermöge deren wir "Ich sagen" und uns von anderen unterscheiden, sind, insofern sie geschaffen, also kreatürlich sind, nur funkenhaft (so nennt es Eckhart - die Seele des Menschen hat einen "göttlichen Funken") mit Gott identisch. Die (kreatürliche) Seele hat also neben dem göttlichen Funken auch noch andere Eigenschaften, wie z.B. Intellekt (das ist jetzt wieder der neuplatonische Nous und auch Verstand und Vernunft), Wille, oder auch Güte.
Die Frage also, wieso wir nicht ohne "körperliche Störungen" oder ähnliches im Einen leben können, lässt sich ganz einfach so beantworten: weil es dort, im Einen, kein "Ich", oder kein "Wir" gibt! "Ich" und "Wir" sind geschaffene, geborene Kreaturen, mit Individualität, eigenem Verstand und persönlicher Vernunft, Wesen mit einem bestimmten Willen usw.
Und das alles gibt es in dem Einen nicht, sondern nur auf dieser Welt! :-)
LG
Provisorium
Gott ist ein Gott der Gegenwart. Wie er dich findet, so nimmt und empfängt er dich, nicht als das, was du gewesen, sondern als das, was du jetzt bist. (Meister Eckhart)
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