Lieber Herold,
ich freue mich sehr, dass wir es geschafft haben im Punkt Selbstverleugnung einen gemeinsamen Nenner gefunden haben. Ich sage das ehrlich und ohne jede Spur von Sarkasmus, es ist mir einfach wichtig auch so etwas positiv zu unterstreichen, weil man oft (und ich will das niemandem zum Vorwurf machen) geneigt ist die trennende Kluft mehr zu betonen als die Brücke, welche man dann doch zu schlagen imstande ist.
Was deine Ausführungen zur Liebe Gottes betrifft, ich denke auch da können wir einen gemeinsamen Nenner finden. Natürlich hast du mit dem einfarbigen Regenbogen ein sehr schönes Bild erschaffen, denn tatsächlich haben wir ja hier die Harmonie eines Lichtstrahls, der im Regenbogen offenbart, dass er unterschiedliche aber gleichberechtigte Qualitäten besitzt. Und natürlich hast du recht, die Liebe Gottes rechtfertigt nicht alles Handeln und Entschuldigt nicht alles Tun. Wenn ich von einer bedingungslosen Liebe spreche, dann meine ich ja nur, dass Gott uns liebt, egal was wir tun. D.h. im Umkehrschluss nicht, dass er nicht auch gerade aus Liebe heraus gerecht handelt und straft! Ganz im Gegenteil. Und wir erleben das auch im menschlichen, dass ein Vater seinen Sohn bestraft, weil dieser nur so erkennen kann, wo notwendige Grenzen bestehen. Der einfarbige Regenbogen wäre ja so etwas wie eine drastische antiautoritäre Erziehung. Strafe, ja selbst Grausamkeit stehen nicht in einem Widerspruch zur Liebe. Einer der meiner Ansicht nach größten Liebesbeweise z.B. ist eng verbunden mit einer gewissen Grausamkeit, nämlich dann wenn eine Mutter ab einem gewissen Punkt nicht länger zum Kind rennt und es von der Gefahr wegzieht mit der Bemerkung "das ist gefährlich", sondern seine Eigenverantwortung und Selbstständigkeit anerkennt und "mit blutendem Herzen" (man sehe mir diesen poetischen Ausdruck nach) zusieht, wie ihr Kind ihre Warnung ignoriert u.U. Schaden nimmt.
Gleichwohl bin ich der Meinung, dass man deshalb Gott nicht fürchten muss, denn wenn man aus Unbedachtheit einen Fehler macht und ehrlich bereut, dann ist es die unbedingte Liebe die verzeiht (und das haben wir ja in der Sündenvergebung). Ich kann also auch sündhafte Gedanken und Wünschen eingestehen und muss sie eben nicht vor mir selbst verleugnen aus Angst dem Anspruch Gottes nicht gerecht zu werden.
Da aber auch zugleich die Hölle hier ein Thema ist, bei der Hölle kann ich diesen Schritt auch nicht mehr mitmachen, denn jede Strafe die von der Liebe mit getragen wird, muss eine Strafe sein, die die Möglichkeit zur Umkehr, zur Besserung gibt. Insofern tät ich mich schwer das Endgericht zu akzeptieren. Aber ich hoffe bis auf diesen letzten Umstand haben wir auch hier eine Gemeinsamkeit.



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