Paulus wird in den Mund gelegt und diese Aussage kann wirklich von ihm beklagt sein, dass sich ganz Asien, also sein Hauptbetätigungsfeld von ihm abgewandt hat, dass ist überaus deutlich und muß ihn unglaublich getroffen haben. Doch warum geschah das, was ist der Hintergrund dafür und vor allem wie kommt es, dass dieses Zerwürfnis bis Justin bestand hatte? Um diese Fragen zu beantworten, reicht es nicht mehr allein aus das N.T. zu konsultieren, sondern man muß zu den Zeitgenossen dieser Geschehnisse durchdringen und hier wird es äußerst schwierig, denn hier hat die spätere - kirchliche Zensur und Redaktionsarbeit „gute“ Arbeit – im negativen Sinne - geleistet. Denn es wurde so gut wie alles „judenchristliche“ Schriftgut vernichtet. Allerdings wenn das, was wir kennen nur die Spitze des Eisberges darstellen sollte, so kann man sehr klar erkennen, was wirklich für ein tiefer Konflikt herrschte und das eben schon zu den Lebzeiten des Paulus.
So berichtet Eusebius, dass bereits von Anbeginn bei den „Juden“ (Judenchristen) das Apostolat des Paulus umstritten war und er später auch offiziell abgelehnt wurde, überall! (Haer 126, 2; Harvey 213; Hist. Eccl. III 27,4; etc) Damit bestätigt Eusebius die Aussage des Paulus und mehr noch, Paulus selbst gibt genaue Detailinformationen, was geschah und genau das deckt sich mit den Aussagen von Justin: Gal 2, 12: ”Bevor einige von Jakobus kamen, aß er (Petrus) mit den Heiden; als sie aber kamen, zog er sich zurück und sonderte sich ab, weil er die aus dem Judentum fürchtete”. ”Wenn du, der du ein Jude bist, heidnisch lebst und nicht jüdisch, warum zwingst du dann die Heiden, jüdisch zu leben” (Gal 2,14) Mit dem durch Paulus verursachten Zwischenfall hatte Paulus das Jerusalemer Übereinkommen gebrochen. Dort war nur vereinbart, dass Heidenchristen gesetzesfrei leben durften. Für Judenchristen hatte sich nichts geändert, d. h. es war ihr gutes Recht, die Gesetzeserfüllung ernst zu nehmen. Hier beginnt der Konflikt, den Paulus in einem öffentlichen Brief sogar noch zuspitzt. Als Paulus fünf Jahre später den Zwischenfall im Galaterbrief dokumentierte, muß die Empörung gegen ihn “weltweit” gewesen sein. Man hatte in Antiochia nicht verstanden, warum Paulus Petrus öffentlich getadelt hatte. Absolut unverständlich war, weshalb Paulus den Vorfall auch noch in seinem Galaterbrief kundgeben mußte, so dass Petrus vor aller Welt bloßgestellt ist: Der Galaterbrief mußte von liberalen Judenchristen als Kampfansage verstanden worden sein. Paulus schreibt, dass es gerade für Juden darauf ankommt, zu erkennen, dass niemand aus Gesetzeswerken gerecht wird (Gal 2,16) und “In Christus Jesus gilt weder Beschneidung noch Unbeschnittensein etwas, sondern eine neue Kreatur” (6,15).
“Wenn ihr durch das Gesetz gerecht werden wollt, habt ihr Christus verloren und seid aus der Gnade gefallen” (5,4). “Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus” (3,28).
Damit sprengte Paulus jegliche Abmachungen die einst getroffen wurden und schuf den tiefen Konflikt zwischen Jerusalemer Urgemeinde und seiner Fraktion. Damit hatte Paulus die Sonderstellung der Urgemeinde in Frage gestellt: “In Christus” waren alle hergebrachten religiösen, kulturellen und sozialen Besonderheiten und die sich darauf gründenden Ansprüche aufgehoben. Mehr noch, jetzt zeigt sich, wie dieser Konflikt zu wirken beginnt: Nach dem Zwischenfall in Antiochia war die Kephas-Partei enstanden und viele Christen, die Paulus ursprünglich wohlgesonnen waren, hatten für Petrus Partei gegen Paulus ergriffen. Der Beginn der Spaltung war damit eingeleitet. Die „jüdische Fraktion“ fordern die Beschneidung der Heidenchristen als Bedingung des Heils (Gal 5,2; 6,12f), sie betreiben eine Gegenmission gegen die Mission des Paulus.
Sie verkünden ein „anderes Evangelium“ (1,6), sie „verwirren“ die Galater (1,7; 5,10) und „hetzen sie auf“ (5,12), sie fordern die Beobachtung des Festkalenders (4,10). Was sie lehren und fordern, nennt Paulus „Werke des Gesetzes“ (3,2.5), „durch das Gesetz gerecht werden wollen“ (5,4). Wer ein anderes Evangelium verkündigt als das des Paulus, der „sei verflucht“ (1,8f). Paulus ignoriert jegliche Vereinbarungen und setzt mit seiner Argumentation zum Gegenschlag an.
Deutlich geht es eigentlich nicht und genau hier zeigt sich die Reaktion der Urgemeinde auf Paulus in der Apg: 21/ 20 Als sie das hörten, priesen sie Gott und sagten zu ihm: Du siehst, Bruder, wie viele Tausende unter den Juden gläubig geworden sind, und sie alle sind Eiferer für das Gesetz.21 Nun hat man ihnen von dir erzählt: Du lehrst alle unter den Heiden lebenden Juden, von Mose abzufallen, und forderst sie auf, ihre Kinder nicht zu beschneiden und sich nicht an die Bräuche zu halten. 22 Was nun? Sicher werden sie hören, dass du gekommen bist. 23 Tu also, was wir dir sagen: Bei uns sind vier Männer, die ein Gelübde auf sich genommen haben. 24 Nimm sie mit und weihe dich zusammen mit ihnen; trag die Kosten für sie, damit sie sich das Haar abscheren lassen können. So wird jeder einsehen, dass an dem, was man von dir erzählt hat, nichts ist, sondern dass auch du das Gesetz genau beachtest.
Natürlich kannten sie die Paulusschriften und wussten um die Ansichten von Paulus. Ebenso wussten sie um die tiefen Zerwürfnisse, welche sich bereits in Philippi, Galatien, Antiochia, Ephesus, Korinth, etc abzeichneten.
Wenn die Apg davon mehrfach spricht, dass „Eiferer des Gesetzes“ Hauptbestandteil der Urgemeinde Jesu waren, wozu offensichtlich als dessen Oberhaupt Jakobus ohne Zweifel gehörte, wie der Galaterbrief offenbart, dann weiß man, wie solche Aussagen des Paulus auf diese gewirkt haben. Es verwundert nicht, dass in der nachpaulinischen Literatur (2. Tim- 4/ 16 Paulus in den Mund gelegt wird: „Bei meiner ersten Verteidigung ist niemand für mich eingetreten; alle haben mich im Stich gelassen. Möge es ihnen nicht angerechnet werden.“
Das ist nur ein ganz kleiner Ausschnitt, der belegt, wie tief greifend die Zerwürfnisse waren, welche spätere Autoren ebenso berichten.
An Kritik gegenüber Paulus und seinen Lehren und ebenso über dem Konflikt zu Petrus und Jakobus muß es zahlreiche Literatur gegeben haben. Das ist aus Quellen bekannt und manche Zeugnisse dessen zeigen noch heute die tiefe Brisanz auf. So wird immer wieder bei den Kirchenvätern deutlich, dass besonders Lehraussagen zur Debatte standen. Hegesipp (100 -180) führt z.B. folgendes vor: Matt.: 16/13 Ihr aber seid selig, denn eure Augen sehen und eure Ohren hören. Und dazu eine Aussage des Paulus: 1.Kor. 2/ 9 Nein, wir verkündigen, wie es in der Schrift heißt, was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat, was keinem Menschen in den Sinn gekommen ist: das Große, das Gott denen bereitet hat, die ihn lieben. Dazu im Vergleich: Jes.: 64/3 … Von Urzeiten her hat man nicht gehört, hat man nicht erlauscht, nie hat etwas ein Auge ersehen von einem Gott außer dir, der es tut für den, der seiner harrt. Es mag nicht verwundern, dass Paulus hier schon frühzeitig Fälschung bzw. Sinnveränderungen der Schriften vorgeworfen wurde in Bezug zu Jesaja und mehr noch gegenteilige Lehre in Bezug zu Jesus. Das nur als ganz kleines Beispiel aus der Vielschichtigkeit der Literatur. Irenäus spricht gar von: „gläubigen Christen, die regelrechte Paulusgegner sind“ (Häer. III 15,1).