Es freut mich Martin, dass dir diese Ausarbeitungen weiterhelfen können.
Liebe Grüße
Absalom
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Lieber Alef,
die Antwort ist nicht ganz einfach, denn wir reden hier über ganz vielfältige Einflüsse, die einen Zeitraum von nicht weniger als 1000 Jahre umfassen. Aber einmal ganz pauschal geantwortet, ganz sicher ist hier Persien ganz Wesentlich die Quelle dieser Lehren. Insbesondere des Dualismus und in dessen Folge die Satanslehre und noch mehr die Engellehren.
Entscheidend war hier vor allem der Hellenismus, der aus ganz verschiedenen Kulturen ein neues und überaus erfolgreiches Religionssystem hervorbrachte und viele religiöse und kulturelle Vorstellungen vereinigte. Die ganze antike Welt beruht, trotz ihrer Unterschiede, auf diesem System und brachte unter anderem die Hochblüte der Philosophie hervor.
Im Grunde genommen haben auch die Essener versucht die Welt in der sie leben zu erfassen und zu erklären und genau deshalb stehen ihre Lehren so nahe den Erkenntnissen verschiedenster hellenistischer Philosophien obwohl sie ihren Ansatz aus der Tora und den Prophetenschriften entnahmen. Das tat aber auch Philon und suchte daraus die Welt zu erklären – recht erfolgreich in seiner Zeit – ohne allerdings eine Religion damit zu begründen wollen. Später taten es andere Menschen und begründeten eine Religion damit.
Wir haben es also mit ganz vielseitigen Wechselwirkungen innerhalb verschiedenster Religionen und Kulturen zutun, die dann auch ihr Verbreitungsgebiet in der israelitischen Kultur und Religion hinterlassen haben. Israel lebte ja nicht in einer von sich abgesonderten Welt, sondern mitten drin und die Einflüsse auf die israelitische Religion reichen eben von Ägypten bis nach Persien.
Wenn wir heute in der Rückschau auf die Textdokumente der Bibel schauen, so sind diese eben auch ein Produkt ganz langwieriger Entwicklungen und das ist bei den Essenern nicht anders.
Eventuell werde ich noch genauer auf diese Thematik zu sprechen kommen. Im Teil 6 werde ich mich ja den hellenistischen Mysterienkulten stellen und einiges wird man darin schon beantwortet finden.
Noch einen schönen Sonntag!
Liebe Grüße Absalom
Teil 6
A
Die Mysterienkulte der Antike und ihr Einfluss auf das Frühchristentum
„Wenn wir (Christen) behaupten, der Logos, nämlich Jesus Christus, unser Paidagogos (Lehrer/Erzieher), sei gekreuzigt worden, gestorben, wieder auferstanden und in den Himmel aufgestiegen, so bringen wir doch im Vergleich mit euren Zeussöhnen nichts befremdliches vor. Wenn wir sagen, Jesus sei der Logos Gottes aus Gott geboren, so ist das doch etwas, was wir mit euch (Griechen und Römern) gemeinsam haben, die ihr doch auch den Hermes, den von Gott Kunde bringenden Logos nennt. Und sollte man daran Anstoß nehmen, dass Jesus gekreuzigt worden ist, so hat er auch das mit euren erwähnten Zeussöhnen gemeinsam, die doch auch gelitten haben (Dionysios, Herakles, Osiris, Attis, Mithras, etc). (Justin I. Apol. 21 + 22)
„Diese Nahrung heißt bei uns Eucharistie. Niemand darf daran teilnehmen, als wer unsere Lehren für wahr hält, das Bad zur Nachlassung der Sünden und zur Wiedergeburt empfangen hat und nach den Weisungen Christi lebt. Denn nicht als gemeines Brot und als gemeinen Trank nehmen wir sie; sondern wie Jesus Christus, unser Erlöser, als er durch Gottes Logos Fleisch wurde, Fleisch und Blut um unseres Heiles willen angenommen hat, so sind wir belehrt worden, dass die durch ein Gebet um den Logos, der von ihm ausgeht, unter Danksagung geweihte Nahrung, mit der unser Fleisch und Blut durch Umwandlung genährt wird, Fleisch und Blut jenes fleischgewordenen Jesus sei. Denn die Apostel haben in den von ihnen stammenden Denkwürdigkeiten, welche Evangelien heißen, überliefert, es sei ihnen folgende Anweisung gegeben worden: Jesus habe Brot genommen, Dank gesagt und gesprochen: „Das tut zu meinem Gedächtnis, das ist mein Leib“, und ebenso habe er den Becher genommen, Dank gesagt und gesprochen: „Dieses ist mein Blut“, und er habe nur ihnen davon mitgeteilt. Auch diesen Brauch haben die bösen Dämonen in den Mithrasmysterien nachgeahmt und Anleitung dazu gegeben. Denn dass Brot und ein Becher Wassers bei den Weihen eines neuen Jüngers unter Hersagen bestimmter Sprüche hingesetzt werden, das wißt ihr oder könnt es erfahren.“ (Justin I. Apol. 66)
„Auch die Heiden, aller Einsicht in die geistigen Kräfte bar, messen ihren Idolen dieselben Wirkungen bei. Allein sie täuschen sich mit bloßem Wasser. Zu manchen Kulten nämlich lassen sie sich durch ein Bad aufnehmen, zu den Kulten der Isis oder des Mithras; auch tragen sie ihre Götter zu Abwaschungen heraus. Die Landhäuser, Wohnungen, Tempel und ganze Städte sühnen sie aus durch Besprengung mit überall umhergetragenem Wasser, lassen sich wenigstens zur Zeit der Apollospiele und der Eleusinien darin eintauchen und leben dann in dem Wahne, dergleichen zum Behuf der Wiedergeburt und Straflosigkeit für ihre Meineide vorzunehmen. Ebenso entsündigte sich bei den Alten, wer immer sich durch einen Totschlag befleckt hatte, mit Sühnwasser.“ (Tert. de baptismo 5.)
„Jedoch man fragt, von wem eine solche Auffassung von jenen Dingen vermittelt werde, daß sie zur Entstehung von Häresien dienen. Vom Teufel, versteht sich, dessen Rolle es ja ist, die Wahrheit zu verdrehen, der sogar die Handlungen der göttlichen Sakramente in seinen Götzenmysterien nachäfft. Er tauft auch - natürlich seine Gläubigen und Getreuen; er verheißt Nachlassung der Sünden in Kraft eines Taufbades, und wenn ich noch des Mithras gedenke, so bezeichnet er dort seine Kämpfer auf der Stirn, feiert auch eine Darbringung von Brot, führt eine bildliche Vorstellung der Auferstehung vor und nimmt unter dem Schwerte einen Kranz hinweg.“ (Tert. de praescriptione haereticorum 40)
Was ich hier anführe sind nur einige wenigen Zitate aus den sog. Apostolischen Vätern, die sich dem Thema Christentum und heidnische Mysterienkulte stellen.
Schon früh mussten sich christliche Gelehrte dem Vorwurf stellen, dass sie heidnische Kulte und ihre Ideen kopiert hätten.
Nur wenige Zeugnisse dieser Kritik haben die Zeiten überstanden, denn die Kirche suchte schon früh all diese Schriftzeugnisse zu vernichten. Unsere Quellen zu dieser Kritik sind also äußerst dürftig und doch zeigen die oben angeführten Beispiele deutlich, es gab diese Kritik und es erstaunt nicht, dass gerade auf diesem Sektor die apostolischen Väter eifrig Kampfschriften verfassten, um diese Kritik aus dem Weg zu räumen.
Trotz allem bemühen der Kirche über 1800 Jahre will diese Kritik nicht verstummen und mehr denn je wird gerade durch die Auffindung antiker Zeugnisse diese Kritik immer lauter und vor allem wissenschaftlicher.
Keine Religion entsteht in einem luftleeren Raum, sondern ist immer ein „Kind“ seiner Zeit, seiner Vorkulturen, Vorreligionen und gesellschaftlicher Gegebenheiten. Besonders bei der christlichen Religionsgeschichte ist diese Tatsache ein ganz wesentlicher Faktor, denn diese Religion entstammt nicht nur israelitischen Einflüssen, sondern lässt ein breites Entwicklungsfeld im gesamten antiken Raum erkennen. Vom vorderen Orient bis nach Afrika und Europa lassen sich diese Einflüsse nachvollziehen und bilden ein fast undurchdringbares Geflecht von Entwicklungen, die letztlich zu dem führten, was wir heute als Christentum definieren und diese Religion zur Weltreligion machte.
Vorab muss ich sagen, es ist unmöglich sich allen Einflüssen zu stellen, das würde den Rahmen bei weitem sprengen und deshalb möchte ich gezielt auf einzelne – markante – Einflüsse Bezug nehmen die insbesondere zum vorhergehenden Themenkomplex Stellung beziehen. Im Focus sollen dabei nicht nur markante antike Mysterienkulte stehen, sondern vor allem deren Kultpraxis und ihre Einflüsse auf das Frühchristentum. Ein zweiter Schwerpunkt muß folglich der Einfluß philosophischer Systeme auf die frühchristliche Theologie sein.
1. Einführung in den Hellenismus (Grundlagen des Hellenismus)
Warum das Thema Hellenismus und Christentum?
Unzählige Bücher wurden zu dieser Thematik schon verfasst und doch ist es den meisten Menschen verborgen, wie tief unsere geistigen – europäischen Wurzeln in Kultur und Religion genau in dem Modell des Hellenismus sind. Unsere westliche Welt ist nicht nur römisch geprägt, nein eigentlich ist sie hellenistisch – römisch. Römisch in unseren gesellschaftlichen Strukturen, hellenistisch - römisch in unseren kulturellen und religiösen Strukturen und Wertevorstellungen. Ganz besonders interessant ist für Religionswissenschaftler dabei, dass sich in der westlichen Kultur und Religion orientalische Einflüsse mit hellenistischen Einflüssen zu einer Kultur und Religion als Erbe antiker Kultur, Religion und Glaubenssysteme mit einer erstaunlichen Integrationskraft weiter entwickelt hat, die über Jahrhunderte hinweg, bis in unsere Zeit das Weltgeschehen lenkt. Ganz besonders die kulturelle Definition der westlichen Welt auf der Basis seines antiken Erbes und der Zusammenfassung der antiken Religion in einer Religion = Christentum, zeigt deutlich welche herausragende Bedeutung noch heute der Hellenismus in unseren alltäglichen Dasein spielt.
Hier einmal hellenistisch – antike Religionen und Philosophien vorzustellen wird die Eigenbestimmung seines Denkens, Glaubens und Religionsverständnis verdeutlichen und zugleich deren geistige Ursprünge und Vorgänger vor Augen führen.
Gehören die Antike und das Christentum zusammen? Ja, so sehen es alle Religionswissenschaftler ohne Ausnahme, denn das Christentum ist im Kulturkreis des Hellenismus entstanden, es trägt seine Wurzeln darin und wesentliche Kernaussagen der christlichen Lehre und Theologie basieren auf den Grundzügen hellenistischen Religions- und
Kultverständnisses.
Gleiches gilt darüber hinaus für unser Ökonomie- und Gesellschaftssystem, bis hin zu unserem Rechtssystem, das dem römischen immer noch ganz ähnlich ist. Noch wesentlicher trifft dies auf unsere Sprach- und Begriffswelt zu, die westlich (hellenistisch-römisch und nicht orientalisch) geprägt ist.
Sich diesen Gegebenheiten zu stellen, hilft eine klare Standortbestimmung zu finden, ja mehr noch, sich selbst und seiner Kultur zu begegnen und zu verstehen, warum man so denkt und glaubt, argumentiert und debattiert, wie wir es tun. Zu erfassen, warum das Christentum in seiner Struktur so ist, wie es ist, warum die Welt in der wir Leben so ist, wie wir sie umgestaltet haben. Dafür gibt es Gründe, die es lohnt zu erkennen, da wir unser aller Geschichte dadurch besser Verstehen und auch zukünftig positiver verändern könnten.
Wenn wir uns dem überaus umfassenden Thema des Hellenismus stellen, der nicht nur eine Zeitepoche beschreibt, sondern mehr noch ein Entwicklungsprozess der Menschheitsgeschichte, so kann dies hier natürlich nur im Rahmen expliziter Themenbereiche geschehen.
Aus diesem Grunde werde ich nicht wesentlich auf die ökonomischen- und auch nur bedingt auf die Naturwissenschaftlichen Errungenschaften des Hellenismus eingehen, sondern das Augenmerk im Wesentlichen auf die religionstheologischen und philosophischen Entwicklungen lenken.
Die Hellenistische Epoche wird heute mit dem Beginn des Weltreiches von Alexander des „Großen“ bis zum Ende des letzten hellenistisch – ptolemäischen Staatsgebildes (Ägypten) durch Augustus bezeichnet. Hellenismus leitet sich von Hellas – Griechenland ab, der Geburtsstätte des modernen Antiken Europa, Vorderasien und Nordafrika. Inbegriff dieses Wortes sind die geisteswissenschaftlichen, ökonomischen, sozialen, kulturellen, politischen und religiösen Veränderungen, die durch die damalige Weltmacht Griechenland, im gesamten Europa, Vorderasien und Nordafrika, zu einer Grundlegenden Neuorientierung der Gesellschaftssysteme und ökonomischen Verhältnisse führte.
Mit dem Beginn des Weltreiches Alexanders, begann nicht nur ein, in seinen Ausmaßen bis dahin unbekannter Eroberungsfeldzug, der alle alten Weltreiche Mitteleuropas, Vorderasiens und Nordafrikas faktisch erfasste, sondern es wurde ein über Jahrhunderte entwickeltes und bewährtes Sozial-, Kultur-, Politik, Ökonomie und Religionssystem exportiert. Geradezu revolutionäre Ideen erfasste die damalige despotische – archaische Welt, die durch Alexander aus ihren Angeln gehoben wurde. Griechisches Denken, wissenschaftliche Errungenschaften, ökonomische Reformen, politische Umorientierung und vor allem Religionsphilosophische Systeme erfassten alle Staaten, die dem Einfluss des Hellenismus ausgesetzt waren.
Ökonomisch lässt sich dieser Sachverhalt nicht nur an einem ausgeklügelten Geld- und Finanzsystem deutlich machen, der diese drei Kontinente zusammen führte und somit zu einem Vorreiter des Welthandelssystems wurde, sondern auch an Agrarreformen, Technologietransfer, Straßenbau, Städtebau und dem Versuch ein weitgehend einheitliches Wirtschaftsystem aufzubauen.
Kulturell wird dies besonders deutlich an der Verbreitung der Schrift und dem Schriftgut, dem griechischen als damalige Weltsprache, der Verbreitung von Schulen zur Allgemeinbildung bis hin zu dem Bau von Theatern und der Förderung der bildenden Künste.
Politisch löst der Hellenismus das despotisch archaische Regierungssystem ab und verschafft dem Volk bis dahin ungehante Freiräume und Mitbestimmungsrechte. Gleich wohl Diadochenreiche entstehen und Königsherrschaften neu gebildet werden, ist die Macht der Regenten nicht mehr so uneingeschränkt despotisch. Die Förderung in Kultur und Bildung ermöglicht zugleich dem einfachen Menschen trotz „niederer Herkunft“ doch zu politischen Ansehen und ökonomischer Macht zu kommen. Gleich wohl sich der griechische Gedanke eines demokratischen Systems nicht durchsetzen lässt, gelingt es doch dem Hellenismus auf der Basis von Mischkulturen, in soweit sozial politische Veränderungen hervor zu bringen, dass sie später zu Trägern neuer Entwicklungssysteme werden (Ägypten, Rom).
Die Eigenstaatlichkeiten werden nicht aufgelöst jedoch mit einander ökonomisch, kulturell und religiös verbunden.
Naturwissenschaftlich findet gerade zu eine Revolution im Weltbild der damaligen Menschheit statt. Das Wissen der großen Kulturen, dass Denken der Großen „Geister“ der Menschheitsgeschichte und die wissenschaftlichen Errungenschaften werden erstmals in einer großen Synopse gesehen und ausgewertet. Überall entstehen Universitäten und Bildungseinrichtungen, die erstaunlichen technischen Fortschritt hervor bringen, der heutige Archäologen nur erstaunen läst. Durch das flexible System des Hellenismus, andere Kulturen in sein umfassendes System mit einzubeziehen, gelingt es ein umfassendes Netz für Wissenschaftstransfer zu begründen. Grundlagen der Mathematik, Physik, Biologie, Medizin, Geographie, Astronomie, etc, etc., finden in der gesamten Koine seine Verbreitung.
Geisteswissenschaftlich findet in einem noch wesentlich weiteren Ausmaß der Transfer statt. Durch die intensiven und auch neu entstandenen Handelsbeziehungen und regionalen Völkerwanderungen verbreiteten sich Religionssysteme unterschiedlichster Art in der gesamten Koine und es entstanden Religionsvermischungen, Religionsauflösungen, Religionsreformationen und Neugründungen in einem ungeahnten Ausmaß. Ob in Ägypten oder Persien, in Europa oder Vorderasien, überall verbreiteten sich auch in den Religionen der Hellenismus und hier insbesondere die Früchte der Aufklärung. Philosophische Denkmodelle finden ebenso ihren Niederschlag wie Konzessionen an die neu errungenen wissenschaftlichen Erkenntnisse.
Ganz besonders die griechische Philosophie, die sich als erste Philosophie überhaupt dem Menschen als Individuum zuwendete und seinen Platz in Staat und Gesellschaft, in der Natur und Kultur, in der Religion und Philosophie selbst zu definieren suchte fand reges Interesse bei allen Völker und Kulturen. Der Gedanke des Individuums, der dem Weltenkosmos gegenübergestellt ist, war gänzlich neu und gerade zu wegweisend für alle Religionssysteme.
Für viel Menschen damaliger Zeit, galt diese Epoche als goldenes Zeitalter, brachte es doch wesentliche Verbesserungen der Lebensumstände und bis dahin ungeahnte Möglichkeiten der Selbstverwirklichung mit sich.
Doch im gleichen Atemzug, verschärfte der Hellenismus insbesondere die materiellen Ungerechtigkeiten in einem bis dahin nicht gekannten Ausmaß. Die Sklaverei wurde zu einem ganz wesentlichen Wirtschaftsfaktor und Bestandteil der Gesellschaftssysteme. Auf Grund regionaler Gegebenheiten kam es zu Unruhen und hier explizit in den naturell armen Gegenden, die weder Bodenschätze noch landwirtschaftlich mit dem neuen Wirtschaftssystem schritt halten konnte. Durch fast völlige Auslöschung des Tauschhandels und der Neubewertung von Wirtschaftsgütern durch Münzwerte wurden nicht selten ehemals reiche Gegenden zu Armenhäusern und Arme zu Reichen. Neue Städte und Wirtschaftsmetropolen entstanden und mehr und mehr verarmte die mehrheitliche Landbevölkerung, die sich nicht selten der Sklaverei verkaufen musste. Mehr denn je, wurden wirtschaftliche – ökonomische Faktoren zum wesentlichen Faktor von Macht- und Kolonialpolitik. Der Hellenismus als kulturell integrative Kraft, der zugleich die kulturellen Eigenheiten und politische Selbständigkeit förderte, verlor dadurch seinen politischen und ökonomischen Einfluss und wurde der Rolle als Weltmacht nicht mehr gerecht. Neue politische- und wirtschaftliche Systeme (römische Republik), entwickelten sich aus dem Hellenismus und begannen diesen abzulösen, gleich wohl die Religion und Kultur im hellenistischen Sinne eine neue Blüte erleben sollte.
Abschließend sei hier gesagt, dass ich mich bemühe so allgemein verständlich wie möglich auf die Thematik des Hellenismus einzugehen. Insbesondere bei meiner Einführung zum Hellenismus, der die Vielschichtigkeit dieser Epoche nur ganz leicht streifen kann.
Besonders in Teil 2 = „Die Philosophien und Religionen des Hellenismus“, wird die Thematik intensiver ausgebreitet, da sie Basis für alle folgenden Themenbereiche ist.
2. Die Philosophien und Religionen des Hellenismus
Ich möchte auf Grund der Fülle dieses Kapitel in 2 Teile aufteilen (1. Philosophie und 2. Religionsgeschichte im Hellenismus)
Teil 1 Philosophie
Das philosophische Denken Griechenlands beginnt in seinen Sternstunden unter schlechten Vorzeichen, die sich gegen eine allzu archaische Frömmigkeit und trotz des Bemühens um die Einführung sehr fortschrittliche Regierungsmethoden (Demokratie), nur langsam durchsetzen kann. Zu kühn scheinen die Philosophen in ihren Ansichten dem alten Götterglauben und dem daraus hergeleiteten Weltbild zu widersprechen. Als Anaxagoras verkündete, die Sonne sei lediglich ein glühender Stein, da schien die alte Götterwelt Griechenlands zu erbeben und mehr denn je wurde den Großen Geistern der Antike, Gottlosigkeit vorgehalten. Schwer tat sich der „Gottesstaat“ Athen mit der Physik und der Naturphilosophie und doch gelang es ihr um die Mitte des 5. Jahrhunderts v.d.Z. in Athen, der griechischen Metropole Fuß zu fassen. Zu drängend waren die Fragen nach dem menschlichen Dasein, der Umwelt in der Menschen leben und dem Wieso und Warum allen Seins. Die Philosophen schafften es durch ihre Fragestellungen, die Menschen damaliger Zeit davon zu überzeugen, nach den Hintergründen des Daseins zu suchen. Nicht mehr das Dasein als akzeptiertes Faktum steht im Mittelpunkt, sondern die Frage nach dem Warum ist man in diesem Dasein, wird zur Wendemarke des griechischen Denkens und auch Handelns. Damit wird die Philosophie zur entscheidenden Wendemarke in der Geschichte Griechenlands, welche dem hellenistischen Weltreich seine überragende Größe gegenüber anderen Kulturen verdankt. Die Erforschungen auf den Gebieten der Naturwissenschaften und Technik, der Geisteswissenschaften und Soziologie, bescherten Griechenland nicht nur die militärische und ökonomische Vormachtsstellung, sondern auch eine Gesellschaftliche und Kulturelle und stellten zugleich einen entscheidenden Wendepunkt in der Geschichte Europas, Kleinasiens bis nach Persien und Nordafrika dar.
Da ich hier nicht den Raum habe um auf die Entwicklungsgeschichte der Philosophie einzugehen, möchte ich es erstmal damit bewenden lassen.
Griechenland brachte eine ungeheure Anzahl an überragenden Geistesgrößen hervor. Wer kennt nicht solche Namen wie Sokrates, Platon, Perikles, Aristoteles, usw., usw. Begünstigt durch den ökonomischen Aufschwung Griechenlands und den politischen freiheitlichen Bürgerrechten, die seines Gleichen in der ganzen Welt einmalig waren, wuchsen und gediehen die Philosophenschulen. Neben der intensiven Erforschung in Natur und Technik, stellte besonders die Geisteswissenschaft neue Dimensionen des Denkens auf. Dabei ging es nicht so sehr um die Frage des Weltganzen, sondern viel mehr um die ganz praktische Suche nach Lebensführung in der Umwelt, dem Staat und der Gesellschaft (Stoa). Hieraus erklären sich auch die politischen Stellungen der Philosophen und zugleich auch die religionsgeschichtliche Bedeutung der Philosophie, die zunehmend alle gesellschaftlichen Bereiche erfasste.
Am Beispiel der der Stoa, die einen wesentlichen Einfluss auf das Christentum hat und bereits reichlich im neutestamentlichen Schriftgut zitiert wird (Johannes und besonders Paulus), zeigt sich die Bedeutung dieser in der Antiken Welt.
Die Stoa
Während der hellenistischen Epoche entstanden zu der platonischen und aristotelischen Philosophie alternative philosophische Systeme, von denen zwei sich besonders hervortaten. Dies waren zum einen der Stoizismus und zum anderen der Epikureismus. Beide enthielten Aspekte schon vertrauter Lehren. Neu war jedoch, dass bei ihnen die Ethik in den Mittelpunkt des philosophischen Interesses trat. Beispielhaft möchte ich nun auf die stoische Philosophie eingehen, da wir dieser insbesondere im neutestamentlichen Schriftgut noch des Öfteren begegnen werden.
Entstehung und Entwicklung der stoischen Philosophie
Gegründet wurde die stoische Schule von Zenon, der 333 oder 332 v.u.Z. in Kition auf der Insel Zypern geboren wurde und um 261 verstarb. Er kam als junger Mann nach Athen, nachdem er Schiffbruch erlitten hatte. Dort schloss er sich dem Kyniker Krates an. Nachdem er ein paar Jahre lang Schüler von Krates gewesen war, machte er sich selbständig. Er versammelte seine Zuhörer in einer mit Bildern geschmückten Säulenhalle. Daher kommt auch der Name dieser Lehre, denn das griechische Wort für Säulenhalle ist "Stoa". Unter seinen Schülern waren auch seine Nachfolger Kleanthes aus Assos (331-232 v.u.Z.) und Chrysippos aus Soloi (281-207 v.u.Z.). Die stoische Lehre veränderte sich ausgehend von dem 3. Jahrhundert v.u.Z. bis zu dem 2. Jahrhundert v.u.Z.sehr. Deshalb unterteilt man den Stoizismus in drei Zeitabschnitte: die alten Stoiker, die mittleren Stoiker und die jüngeren oder römischen Stoiker. Zenon, Kleanthes und Chrisippos bezeichnet man als die alten Stoiker.
Die mittleren Stoiker waren Panaetios und Poseidonios. Panaetios wurde um 185 v.u.Z. auf Rhodos geboren. Mit ihm faßte die stoische Philosophie in Rom Fuß. Denn durch seine Freundschaft mit Scipio Africanus fand er Zugang zu einem Kreis von Intellektuellen, die sich mit besonderer Leidenschaft dem Griechentum widmeten. Ein Schüler Panaetios, Poseidonios, errichtete seine eigene Schule auf Rhodos und war in Rom so berühmt, dass ihn viele bedeutende Persönlichkeiten aufsuchten wie Pompejus und Cicero.
Der jüngere Stoizismus prägte sich vorwiegend in Rom aus. Die Stoiker waren als echte Kosmopoliten bekannt. Sie setzten sich für die Gemeinschaft der Menschen ein, sie sahen den Staat als natürlich an und interessierten sich für Politik. Ihre bevorzugte Staatsform war die Monarchie. Im zweiten Jahrhundert nach Christus gab es unter den Stoikern sogar einen römischen Kaiser: Marc Aurel (121-180n.Chr.). Ebenso gehörten zu den stoischen Philosophen auch der Redner und Politiker Cicero (106-43 v.u.Z.) und der Politiker und als Erzieher Neros bekannte Seneca (4v.Chr.-65n.Chr.). Typisch für die stoische Philosophie war auch ihre Offenheit gegenüber unterschiedlichen Gesellschaftsschichten. Ein Beispiel dafür ist der 50n.Chr. geborene Stoiker Epiktet. Epiktet war ein Sklave. Nach seiner Freilassung gründete er seine eigene stoische Schule und wurde so bekannt, dass selbst Kaiser Hadrian ihn aufsuchte.
Grundgedanken der stoischen Philosophie
Die stoische Philosophie ist eine sehr Praxis bezogene Philosophie. Sie ist darauf ausgerichtet, auch im alltäglichen Leben umgesetzt werden zu können.
In der stoischen Philosophie sind Erkenntnistheorie, Naturphilosophie und Ethik stark miteinander verbunden. Erkenntnistheorie und Naturphilosophie sind aber für die Stoiker nur insoweit von Bedeutung, als aus ihnen die ethischen Grundgesetze abgeleitet werden. In der stoischen Philosophie wird die Natur als Prinzip aller Dinge angesehen. Dabei wird davon ausgegangen, dass die Natur einem vernünftigen Weltgesetz - dem Logos - unterliegt. Aus diesem Grund gibt es für den Stoiker keinen Zufall, sondern alles geschieht mit Notwendigkeit und wird von Gott gelenkt. Die Theologie der Stoiker kreist um den Logos: Gott ist die schöpferische Urkraft, die erste Ursache allen Seins. Er ist der Logos, der die vernünftigen Keimkräfte aller Dinge in sich trägt.
Das gestaltende Feuer, der ordnende Logos, wird als Gott bezeichnet. Für die Stoiker ist der Kosmos, der alles Leben und Denken hervorbringt, selbst ein Lebewesen, dessen Seele göttlich ist. Aus der Vernünftigkeit des Logos folgt eine zweckmäßige und planvolle Ordnung der Dinge und Ereignisse: "Daraus ergibt sich der Gedanke einer teleologisch (= zielgerichtet) vollkommen durchgeordneten Welt, in der, der Zusammenhang von allem eine sinnvolle Ordnung darstellt, die von einer einzigen göttlichen Kraft geplant und schrittweise ins Werk gesetzt wird." (M. FORSCHNER)
Die Ethik der Stoiker, durch die diese wohl am bekanntesten geworden sind, setzt eine Reihe von Ansichten über das Seelenleben des Menschen voraus, die eigentlich nicht der Psychologie zuzuordnen sind, sondern die eher den anthropologisch-dogmatischen Unterbau der stoischen Moral darstellen. Demnach ist es nun zunächst eine grundlegende Feststellung, dass der Mensch außer einem Leib auch eine Seele hat. Diese Seele ist es, die zum einen dem Menschen Selbstbewegung und damit überhaupt Leben verleiht. In diesem Zusammenhang wird auch die Frage nach der Unsterblichkeit der Seele erörtert, da zumindest der vernünftige Seelenanteil immer als etwas Ewiges und Göttliches erschien. Aufgrund ihrer Bekennung zum Materialismus muss die Stoa hier jedoch andere Wege gehen. Nach Zenon ist der gröbere Teil der Seelenmaterie vergänglich, wogegen die Vernunft als feinste Materie unsterblich sein soll. Nebenbei gibt es bei Epiktet und Marc Aurel keine individuelle Unsterblichkeit, wogegen Poseidonios die platonischen Beweise für die Unsterblichkeit aufnimmt, was für den in der Stoa teilweise vorliegenden Synkretismus typisch ist, und bei Seneca wiederum die Unsterblichkeit geradezu ein Grunddogma seiner Lehre darstellt: "Nachdem die Seele, sich reinigend und die anhaftenden Fehler und den Schmerz des sterblichen Lebens abschüttelnd, kurze Zeit über uns geweilt hat, erhebt sie sich zu den Höhen des Weltalls und schwebt unter den seligen Geistern. Es hat sie eine heilige Schar aufgenommen.".
Besonders beachtenswert sind in der stoischen Ethik der Naturrechtsbegriff und das damit zusammenhängende Humanitätsideal. Dabei ist das positive Recht, das durch Staaten und Regierungen gesetzt wird, weder das einzige noch das allmächtige Recht. Es beruht in seiner Gültigkeit vielmehr auf einem ungeschriebenen Recht, das ewig ist und das zugleich ein Richtmaß für alles positive Denken überhaupt darstellt, dem Naturrecht, das nichts anderes ist als das allgemeine, mit der Weltvernunft identische Weltgesetz. Die Überzeugung hiervon gehört zu den unerschütterlichen Dogmen der Stoa. Noch Cicero und Philodem sprachen im gleichen Sinn nach, was schon die Gründer der Schule festgelegt hatten: "Das Naturgesetz ist ein göttliches Gesetz und besitzt als solches die Macht, zu regeln, was Recht ist und was Unrecht."; ähnlich äußert sich auch Chrysipp: "Ein und dasselbe nennen wir Zeus, die gemeinsame Natur von allem, Schicksal, Notwendigkeit; und das ist auch die Gerechtigkeit und das Recht, die Einheit und der Friede.", sowie Heraklit: "Es nähren sich alle menschlichen Gesetze von dem einen göttlichen.", und ebenso gehören Platon mit seiner Ideenwelt und Aristoteles in diese Reihe. Dabei ist der Stoiker der Ansicht, daß das Naturrecht von selbst einleuchtet, weil es mit der Vernunft als solcher gegeben ist. Wer diese nur hat, hat damit auch schon ein Wissen bzw. Gewissen über das, was Recht ist und was nicht; "Wem von Natur aus Vernunft zuteil wurde, dem wurde auch die rechte Vernunft zuteil; darum auch das Gesetz... und wenn das Gesetz, dann auch das Recht.".
Der Stoiker ist ein Realist und weiß als solcher, dass es im Leben auf das kraftvolle Zugreifen und auf entschlossenes Handeln ankommt; "sustine et abstine" ("Ertrage und entsage") lautet deshalb das Motto der gesamten Tugendlehre, die hauptsächlich auf den Willen ausgerichtet ist. In stärkster Gegnerschaft zu Aristoteles und seiner Schule werden die so genannten äußeren Güter wie Ehre, Besitz, Gesundheit, ja selbst das Leben als gleichgültige Dinge behandelt. Das einzige Übel ist die Schlechtigkeit das einzige Gut die Tugend. Der Weise allein ist frei, reich, glücklich, ja den Göttern gleich, der Tor dagegen elend und unwissend.
Lust, Begierde und Furcht, gelten als unvernünftige Regungen, ja als Krankheiten der Seele, welche zu bekämpfen sind. Den Affekten im Sinn der Leidenschaft stehen die edlen Affekte gegenüber: der Begierde der rechte Wille, der entweder Wohlwollen oder Zufriedenheit ist; der Furcht die Vorsicht, die sich in Ehrfurcht und Keuschheit gliedert; der Lust die reine Freude, die aus dem Bewusstsein des tugendhaften Lebens erwächst. Hier wird besonders deutlich, wie sehr die stoische Psychologie von ethischen Interessen geleitet wird, zumal diese förmlich als Tugendlehre auftritt.
Die Stoa zeichnet sich zudem durch seinen Kosmopolitismus aus. So erklärte bereits Epiktet: "Wir sind alle Brüder und haben in gleicher Weise Gott zum Vater.".
Als Kosmopolit ist das Vaterland des Stoikers die ganze Welt, weshalb ihre Anhänger zur allgemeinen Menschenliebe, Wohltätigkeit, Milde und Sanftmut aufrufen. Auch gegenüber anderen Völkern, den Sklaven, den Frauen und den unmündigen Kindern, die ursprünglich durch das römische Recht stark benachteiligt waren, wird die Forderung der Rechtsgleichheit erhoben. Rechtsgleichheit bedeutet jedoch für den Stoiker nicht auch Standesgleichheit! Für den Stoiker sind vor allem Frauen Mittel zum Zweck (Familie) und finden ihre Berechtigung als Lebensschaffende Wesen, dessen Platz nicht in Philosophenstuben zu sein hat, sondern schweigend und verhüllend am heimischen Herd oder in der Kinderstube. Das Züchtigen von Frauen und Kindern gilt als legitimes Mittel für die Sittlichkeitserziehung der Stoiker. Ausgeführt in Milde und Sanftmut wird Züchtigung als natürliche Gegebenheit angesehen.
Als weiteres wichtiges Element ist noch die stoische Logik, welche sich in die Bereiche Rhetorik und Dialektik gliedert. Um die Sprachlehre haben sich die Stoiker große Verdienste erworben. Von ihnen rühren zum großen Teil die üblichen grammatischen Bezeichnungen.
Soviel erst einmal zu einem klassischen Beispiel von Philosophie im Hellenismus, welche sich insbesondere im römischen Reich zu einer neuen Blüte entwickelte.
Philosophie war nicht nur ein Denkmodel, sondern im täglichen Leben praktizierte Lebensphilosophie, die in sich ganz wesentlich auch religiöse Wesenzüge trug.
2. Die Philosophien und Religionen des Hellenismus
Teil 2. Religionen
Nun möchte ich zur eigentlichen Thematik, die für mich selbst noch interessanter ist vorstoßen, denn hier geht es um antikes Religionsverständnis!
Wir haben uns nun einen ganz kleinen Einblick in die Philosophie erlaubt und dürften verstanden haben, dass wir es in der Antike nicht mit einer primitiven Zivilisation zu tun haben, sondern mit einer bereits sehr komplexen Welt, die in ebenso komplexe Denkstrukturen eingebettet war.
Ebenso komplex waren die vielfältigen Antiken Religionen. In dem Schmelztiegel des Mittelmeerraumes, der über 300 Jahre Hellenistisch geprägt wurde, wo sich ganze Nationen mit anderen Nationen vermischt hatten, wo durch enge Handelsbeziehungen und offene Grenzen ganze Völker quer durch Europa, Asien und Afrika nach neuen Heimaten suchten und durch enge Handelsbeziehungen nicht nur ein reger Warenaustausch, sondern auch kultureller Austausch stattfand, wo die einheitliche Sprache im wesentlichen griechisch war, ist es nur eine Frage der Zeit gewesen, dass sich auch die verschiedensten Religionen begegnen und einander bereichern, einander ergänzen oder ineinander verschmelzen.
Erstaunlicher weise, war der Hellenisierungsprozess in seinem Verlauf ohne tief greifende nationale Widerstände verlaufen. Lediglich in Persien und Judäa gab es Erhebungen gegen die Hellenisierung, die jedoch durch die Integrationsfähigkeit des Hellenismus, anderweitig stattfand. Die Stärke des Hellenismus lag in seiner Vielfalt, die keine kulturellen Grenzen kannte. Zudem erlaubte es der Universalismus des Hellenismus, jeglicher Religion seinen Platz einzuräumen. Der strenge Monotheismus des Judentums erzeugte allerdings in der hellenistischen Welt so manches Unbehagen. Doch dazu in einem anderen Kapitel mehr.
Schon in der Frühzeit Griechenlands zeigten sich die Hellenen offen für viele Kulte und Religionen. In ihrem Glaubensverständnis waren die Götter das himmlische Gegenüber für den Menschen, die sich um sein materielles und moralisches Wohlergehen kümmerten. Zugleich vermutete man schon früh hinter diesen Göttern ein höheres Prinzip einer Gottheit, dem Erschaffer alles Seiende (Platon).
Die offene Annahme von Göttern und Gottheiten und hier insbesondere aus der ägyptischen Religion und orientalischen Religionen, löste jedoch zwangsläufig ein anderes Problem aus, eine schier unglaubliche Anzahl von Göttern, Gottessöhnen, Heroen und anderen mythischen Gestalten. Hier setzte die Philosophie zu ganz neuen Denkmodellen an, die keine allzu große Rücksicht auf alt hergebrachte Kultformen walten ließ, sondern ein eigenes Religionsmodell entwarf. Folgendes Denkmodell sei hierzu angebracht: Den homerischen Göttern war es zu Eigen, dass sie den Tod nicht kannten, für die Philosophie wird daraus der Begriff Ewigkeit und damit zum tragen Faktor des Göttlichen. Allmacht und Allgegenwart kommen hinzu, wodurch letztendlich die Vielgötterei in Frage gestellt wurde. Es können nicht viele Götter allmächtig sein. Als Lösungsmodell für die verschiedensten Seinsweisen der Götter wird im Verlauf der Religionsgeschichte anfänglich von Untergöttern bis hin zu Gottessöhnen und späteren vielfältigen Göttlichkeiten in einem Gott unterschieden. Diese Entwicklungsgeschichte darf man sich nicht als plötzliche Erkenntnis vorstellen, sondern beinhaltet einen Jahrhunderte langen Prozess, der in den Mysterienreligionen seine entscheidende Wende nimmt.
In den Mysterienreligionen, die insbesondere im römischen Reich, welches sich als Erbe des Hellenismus verstand, ihre größten Ausbreitungen fanden und die allesamt Offenbarungsreligionen waren, zeigt sich am deutlichsten der Wandel von alten Kultgöttern. War einst die kultische Verehrung der Mittelpunkt des Volksglaubens, ist durch die Philosophie und ihren Fragestellungen ein ganz neuer Aspekt hinzugekommen. Es waren die Fragen nach dem letzten Sinn des Seines. Der starke Jenseitsglaube der Ägypter und anderer orientalischer Religionen, gewann insbesondere ab dem 3. Jahrhundert v.u.Z. eine immer stärkere Bedeutung. Dies wurde umso mehr begünstigt durch den Prozess von Verschmelzungen verschiedenster Religion und Kulte, die somit zu inhaltlich neuen Religionen in altem Gewand wurden. Ganz deutlich zeigen sich diese Prozesse am Isiskult und Zeuskult. Die Menschen der Antike suchten zudem nicht nur nach den Antworten auf ihre brennenden Fragen, die durch die philosophische Aufklärung entstanden, sondern sie suchten auch die Nähe und Geborgenheit zu dem fernen Olymp der Göttlichkeit, in einer Welt, die einem starken Werte- und Geisteswandel unterzogen war. Lebensphilosophien wie der Stoizismus, der Epikureismus und ganz besonders die der Neuplatoniker, die besonders die Sinnlosigkeit und Verworfenheit menschlicher Taten im Angesicht der vollkommenen Göttlichkeit aufzeigten (siehe auch dazu bei Paulus), schaffte eine immer stärkere Anbindung an mystische Erlöserreligionen. Dieser Trend zeigte sich schon recht früh im Adoniskult und erlebte seine volle Blüte in den vielen Mysterienkulten des Imperium Romanum.
Die Suche nach dem göttlichen Urprinzip und einer Definition der Seinsweise dessen, verschaffte der Religionsphilosophie ungeahnten Zulauf. Insbesondere die neuplatonischen Philosophenschulen entwickelten auf Grundmodellen hellenistischer Philosophie weiterführende Ansätze. So z.B. Plotin: „Der Grund allen Seins ist das eine, zugleich das Urgute und Urschöne, jenseits des Denkens, aber von reiner Aktualität. Aus ihm emanieren im Schritt einer Dreieinigkeit Geist, geistige Seinswirklichkeit und geistige Schau, in Wahrheit ein Geist, der Anteil hat sowohl an dem Einen als auch an der nächsten Emanationsstufe, der Seele“. Das Eine, dessen Abbild und dessen Geist“
Plotin vertritt hier keine gänzliche philosophische Neuschöpfung, sondern führt nur Konsequent Gedanken weiter, wie die des Xenokrates (um 396 v.u.Z.) der eine Dreieinigkeit an die Spitze des Weltganzen setzte, oder Aristoteles (384-322 v.u.Z. - der besonders im Christentum größte Verehrung genießt), der erklärte: „Die Dreiheit ist die Zahl des Ganzen, insofern sie Anfang, Mitte und Ende umschließt“. Martial (ca.40-102 n.Ch.) sah in Hermas den Trismegistos, den dreimal großen Hermas, der allein ganz und dreimal einer ist.
Die neuplatonische Lehre, in Gott, zugleich das reine Sein und den Schöpfer alles Dasein zu sehen, der aus Güte die ewige Welt der Ideen und Seelen erschafft, wirft aber infolge der unvollkommenen Schöpfung Fragen auf, die darin ihre Begründung finden, dass ein präexistenter Fall der Schöpfung diesen Zustand der Unvollkommenheit schaffte, dem zufolge die Seelen zum Zweck der Erziehung in den Kerker des Leibes gebannt sind. Als Erzieher sendet Gott den ihm wesensgleichen Logos, den er ewig mit sich selbst zeugt, der als Mittler zum Menschen herabsteigt und den Menschen mit Hilfe des ihm wesensgleichen Geistes zur Erkenntnis der letzten göttlichen Wahrheit auf einem langen und schweren Erziehungsweg führen will.
In diesem letzten Gedankengang verbindet sich die Konsequenz der Menschwerdung Gottes als göttliche Offenbarung Hieros Logos = heiliges Wort, welches sich selbst entäußert um das Schicksal der Menschen zu teilen und durch Selbstaufopferung des Logos, das erlösende Heil auf den ihm geweihten Menschen zu übertragen. „Freut euch, ihr Mysten, da der Gott gerettet ist, so wird euch aus Mühsal Heil zuteil“. Dieser Mythenspruch wird gerade zu bezeichnend für alle antiken Religionen. Die Zeussöhne nehmen alle Mühen und Leiden der Menschen auf sich um den Menschen aus diesen zu befreien und zu erlösen. Den Nachfolgern und Geweihten gewährt der göttliche Logos dafür das ewige vollkommene Leben, heilt von Krankheiten und schafft materiellen Wohlstand und die Vergebung von moralischen Verfehlungen. Die unzähligen Grabinschriften aus dieser Menschheitsepoche belegen ganz deutlich den Erlösungsgedanken aller mystischen Religionen.
Die religiöse Wende wird auch in der Stoa deutlich. Im sog. Zeushymnus des Kleanthes, der mehrfach im Neuen Testament zitiert wird (ist im Internet zu finden), finden wir ein ganz anderes Bild von Gott wieder als es uns frühe antike Gottesbilder vermitteln. Der ferne Gott des Olymps, offenbart sich als Vater der Menschen, als Mitleidender und Logos.
Wie schon erwähnt finden sich in fast allen Kulten des Späthellenismus die Erlöserfiguren. Ursprünglich altgriechisch Heros, werden nun diese Zeussöhne in ihrer religionsgeschichtlichen Entwicklung Menschen, in denen sich der Logos Gottes offenbart, die Theios Aner = GottMensch sind, die selbst Theos = Gott genannt werden und denen Titel wie z.B. Epiphanes = erschienener Gott, Soter = Heiland, Euergetes = Wohltäter oder sogar als Gottgleich (Neos Dionysos), zugeteilt werden.
Ganz bezeichnend für die Mysterienreligionen sind die Gottessohngestalten, die alle als Logos – Wort Gottes = heiliges Wort, einer übernatürlichen Menschwerdung ihre göttliche Erhöhung fanden. Noch deutlicher wird dies bis auf eine Ausnahme (Mithras) bei ihrem Sterben. So ertrinkt Osiris unter furchtbaren Qualen, Attis stirbt im Akt der Selbstaufopferung an einer sich selbst zugefügten Wunde, Adonis wird von einem besessenen Wildschwein getötet und Dionysos wird von betrunkenen Bauern bei lebendigen Leib zerrissen, ja regelrecht geopfert.
Ein weiteres Element sind die mystischen Weihen = Sakramentum, die sich in Form und Gestallt zwar unterscheiden und doch wesentliche Gemeinsamkeiten aufweisen. So sind der Beginn der Weiheakt immer das Bekenntnis zum Gott und eine Blut oder Wassertaufe allen diesen Kulten gleich. Auch das mystische Mahl, wie z.B. im Mithras-, Dionysos-, Herakleskult, etc., aus Brot und Wasser oder auch Wein (Dionysos) ist kennzeichnend für die Zugehörigkeit dieser Kultgemeinschaften, in denen so Gott als Gastgeber, als substantiell-theophag = als gegenwärtig, gefeiert wird. Auch die darstellhafte Ausschmückung des Gottes mit Symbolen und Figuren oder kleinen Bildnissen und Haustempeln (Nischen) ist diesen Kulten gemeinschaftlich nachweisbar.
Gleich wohl es doch erhebliche Unterschiede im Gottesbildverständnis in den einzelnen Kulturen gibt, lassen sich die Gemeinsamkeiten doch deutlich aufzeigen. Weitere Einflüsse sind bedeutend durch die Weiterentwicklung der Gnosis, auf die ich hier aber nicht weiter eingehen will.
Die religionsgeschichtlichen Entwicklungen führen letztendlich zu einem relativ einheitlichen Reichsgott Verständnis, welches sich unter Aurelian als die „Römische Trias“ und als Trinitas im gesamten Imperium (Trias = drei = Trinitas = Dreiheit) durchsetzt. In ihr vereint sich der Weltengott mit dem jeweiligen Landesgott (Logos) und dem Weltengeist, der alles und jeden durchdringt. Der Neuplatonismus wird zum gängigen Erklärungsmodell dieses Systems (Siehe oben – Bekenntnis des Plotin).
3. Hellenismus und Judentum
Es mag einem frommen Wunsch entsprechen, wenn man meinen möge, es hätte in der Geschichte Israels nie Fremdeinflüsse auf die Religion gegeben. Allein schon in den 5. Büchern der Weisungen (Moses) lässt sich das ganz deutlich fest machen, wenn man die Tora mit Zeitgenössischen ägyptischen, sumerischen, persischen und babylonischen Überlieferungen vergleicht. Sehr deutlich sind die Spuren des Zweistromlandes und Ägyptens sichtbar, die sich insbesondere in den Ritualanweisungen nachzeichnen lassen (Schlachtopfer, kultische Reinheit, Speisegebote, rechtliche Anweisungen). Noch deutlicher sind die Spuren aus der Epoche der babylonischen Gefangenschaft sichtbar, was nicht nur eine Vielzahl babylonischer Begriffe belegt, die plötzlich im Tenach erscheinen, sondern mehr noch die Reform des Esra und Nehemia belegen, die Israel zu ihrer Zeit zu einem modernen Staat neu aufbauten, nach persischen Vorbild.
Ganz wichtig für die antike Entwicklung des Judentums spielten politische Einflüsse, die bedingt durch die Landvertreibung und Auswanderung der Israeliten ganz neue religiöse Fragestellungen aufwarfen und Bedingungen schafften. Mit dem Ende der Perserherrschaft und dem Beginn der hellenistischen Großreiche entstanden vier Hauptsiedlungsgebiete des Judentums, die zwar untereinander verbunden waren, doch mit der Zeit ganz eigene Entwicklungen bestritten. 1. Das babylonische Exil, welches sehr stark unter persischen Einfluss stand und wo besonders das Schriftgelehrtentum zur Blüte kam. 2. Die zurückgekehrten Juden nach Israel, die durch eine Staatsreform Esras und Nehemia Israel zu einer gewissen Selbstständigkeit führten und Israel zu einem Nationalreligiösen Staat (Gottesstaat) gestalten wollten, den Tempelkult neu initiierten, wichtige Religionsreformen durchführten und somit Israel zu einer neuen – wenn auch kurzen Blüte verhalfen. 3. Griechenland (Korinth) und Italien (Rom), die ursprünglich zumeist aus Alexandrien durch Handelsbeziehungen neue jüdische Enklaven bildeten. 4. Alexadrien und Ägypten, die wohl wichtigste Enklave des Judentums in der Antike. Hier reichen die Wurzeln schon bis in die Zeiten des Moses und wie wir auch aus biblischen Berichten wissen, waren Juden und Ägypter immer sehr eng geschichtlich miteinander verbunden. Alexandrien war die Welthauptstadt des Hellenismus, das New York, der Antike. Hier standen nicht nur die berühmtesten Bibliotheken der Welt, die größten Philosophenschulen und Lehrinstitute für alle möglichen Handwerkskünste, hier war auch die größte jüdische Gemeinde außerhalb Israels ansässig.
Gemeinsam war all diesen Diasporagruppen, dass sie die Tora hatten und ihr nationales Erbe pflegten. Darüber hinaus gab es kein einheitliches Schriftgut und auch in der Praktizierung der Tora gab es wesentliche Unterschiede, die jedoch an sich kein jüdisches Problem sind.
Einen ernsten innerjüdischen Konflikt gab es mit der in der antiken Welt um sich greifenden Hellenisierung. Die Einflüsse der hellenistischen Philosophie waren gerade zu revolutionär und stellten das Judentum vor eine schwierige Frage: Integration in die hellenistische Welt, oder Ausgrenzung von der hellenistischen Welt. Das persische Judentum und das israelitische Judentum widerstrebten dieser Anpassung, hingegen das hellenistische Judentum (daher leitet sich der Name ab) in Ägypten und der restlichen Diaspora schon längst die Assimilation suchte und vollzog.
Das Judentum in Israel zeigte sich anfänglich ebenso offen für die Hellenisierung wie in Alexandria oder anderen Einflussgebieten.
Davon zeugen nicht nur die Bauten in Jerusalem aus dieser Epoche, sondern auch Münzfunde, die die Verschmelzung des Gottes Israel mit Zeus darstellen und schriftliche Belege aus dieser Zeit. Doch es entstand zunehmend eine Gegenbewegung, die sich insbesondere durch die pharisäische Partei kundtat.
In den Makkabäeraufständen (ich gehe einmal davon aus, dass die Geschichte bekannt ist, ansonsten empfehle ich eine kath. Bibel zu lesen, da steht alles drin – Makkabäerbücher), trat dieser Konflikt erstmalig auch militärisch zu tage. Bei diesem Konflikt ging es nicht nur um politische Macht, sondern um eine ganz klare Abgrenzung zur hellenistischen Welt. Zwar konnte Israel die Macht des Hellenismus nicht gänzlich von sich schütteln, doch gelang es gewisse Freiheiten und Eigenstaatlichkeiten zu erzwingen. So auch die Religionsfreiheit.
Ganz anders verlief die Entwicklung in der hellenistischen Welt. Hier versuchte das Judentum seine Weltanschauung in griechischer Sprache und im Rahmen griechischer Philosophie auszuformulieren. Der wohl wichtigste Meilenstein darin ist die Übersetzung und neu Bearbeitung und auch Umschreibung der hebräischen Bibel ins Griechische, die Septuaginta.
Auch zahlreiche andere Schriften der Weisheitsliteratur entstanden zu dieser Zeit (Weisheit Salomons), die zum Teil in den christlichen Bibeln wieder zu finden sind. Diese Schriften insbesondere die Septuaginta wurden vom Judentum (1. Jahrhundert) verworfen und als Fälschungen eingestuft.
Insbesondere in den Lehrschriften zeigen sich die Verschmelzungen von hellenistischer Philosophie und hellenistischen Judentum am deutlichsten. Beispielhaft hierfür sind die Schriften Philos, Demetrios oder Aristobulos.
Einer wichtiger Vermittler zwischen dem jüdischen Verständnis und dem griechischen Denken war Philo von Alexandria. Er stellte das Judentum als eine altehrwürdige Religion dar, die durch einen neu zu verstehenden Monotheismus (nach Plotin) besser mit der aristotelischen oder platonischen Philosophie übereinstimme als der polytheistische Olymp.
Der berühmte Logoshymnus aus dem Johannesevangelium zeugt von der weiten Verbreitung des Philonischen Schriftgutes, welches in der Antike zu Ansehen kam, denn tatsächlich ist dessen Ursprung bei Philon zu suchen und nicht bei israelitischen Juden, die ja genau diese hellenistische Theophilosophie aufs schärfste bekämpften.
Man kann nicht oft genug betonen, dass es dem hellenistischen Judentum in erster Linie darum ging, dass Volk der Israeliten als gleichwertiges Volk unter Völkern, angepasst an die Verhältnisse ihrer Zeit, ohne die Aufgabe eigener Selbstständigkeit, in der hellenistischen Welt zu integrieren. Zum anderen ging es Leuten wie Philo darum die Absonderlichkeiten der jüdischen Religion, dem hellenistischen Umfeld durch zu Hilfenahme von hellenistischer Philosophie nahe zu bringen und wenn nötig auch umzudeuten. Dies geschah mit erstaunlichem Erfolg. Das hellenistische Judentum war damals eine expandierende Religion, die in allen Gesellschaftsschichten der Antike Beachtung fand, hingegen das orthodoxe Judentum massiv bekämpft wurde und um seine Existenz kämpfen musste. Das festhalten an dem strengen Monotheismus, den Geboten und althergebrachten Riten brachte diesem Judentum nur wenig Anerkennung und Freunde ein, doch es sicherte dessen Überleben, hingegen das hellenistische Judentum unter ging.
Historisch findet das Frühjudenchristentum insbesondere im hellenistischen Judentum seine theologischen Vorreiter und Wegbereiter und auch Anhängerschaft. Das Heidenchristentum wird insbesondere bei den Stoikern und Neuplatonisten ihre Anhängerschaft finden. Beide Gruppen sind theologisch bereits im Wesentlichen vereint, im Hellenismus. Die Auflösung der Urgemeinde Jesu findet genau in dieser Tatsache seinen Ursprung!
Nachwort: Ich bin jetzt bewusst nicht auf die Essener eingegangen, da ich zu ihnen ja schon hinreichend Stellung bezogen habe und aufzeigen konnte, dass diese große und wichtige Gruppe durchaus – wenn auch nur bedingt - den jüdischen Hellenisten zu zuordnen ist.
Es folgt Teil 4. Der Hellenismus und das Christentum
Suuuuuper,
danke Absolalom
LG Martin
4. Der Hellenismus und das Christentum
Wenden wir uns nun dem eigentlichen Thema zu. Auf Grund der Fülle des Textes teile ich ihn in mehrere Teile auf!
Teil 1.
Unmittelbar nach der Kreuzigung durch die Römer ist die Geschichte Jesu außerhalb des Judentums völlig irrelevant. Jesus ist Jude, seine Familie ist jüdisch, seine Schüler, die „Jünger Jesu“, sind Juden. Alle ihre Hoffnungen und Wünsche richten sich auf das Heil Israels. Gut hundert Jahre später sind die Schüler der Schüler, die so genannten Christen, keine Juden mehr.
Zunächst einmal gibt es zu Beginn keine Christen. Am Anfang gibt es Juden die verkünden: “Jeshua ist ein Meschiach”, “Jeshua ist gestorben und von Gott wiedererweckt, auferstanden worden”, “er ist von Gott erhöht”. All diese Kategorien (“er ist ein Messias”, der Erhöhte des Herrn, der himmlische Hohepriester, etc.), sind jüdische Kategorien, die in ihrer Bedeutung der hellenistischen Welt merkwürdig, fremd und unverständlich für Heiden, erscheinen. Diese Kategorien existieren so dort nicht.
Wenn wir vom Christentum sprechen so stellt sich bereits die erste wichtige Frage, wann beginnt eigentlich das Christentum als eigenständige Religion, unabhängig vom Judentum zu existieren? Kurz zusammengefasst. Es wird dann von einer selbstständigen Religion gesprochen, wenn sie eigene Glaubensgrundsätze hat, eigenes Schriftgut hervorbringt, eigenständige Kulthandlungen und Weiheakte entwickelt. Sich also von dem Ausgangsort entfernt und eigene Wege geht, eine eigenständige Entwicklung beginnt. Die Religionswissenschaft hat sich weitestgehend auf den Beginn des 1. Jahrhunderts festgelegt und sieht anhand etlicher Entwicklungstatbestände denn eigentlichen Ursprung des Christentums nicht im damaligen Palästina, sondern in Korinth, in Alexandrien und Rom. Warum das 1. Jahrhundert?
Wenn wir der Aussage der Apostelgeschichte folgen, war die Urgemeinde keine eigene Religion, sondern fester Bestandteil des Judentums. Sie war fest im jüdischen Kult integriert, lehrte im Wesentlichen jüdisches Lehrgut und hatte auch die Anerkennung des Sanhedrin.
Mit der Zerstörung des Tempels (70 n. u. Z.) und dem Niedergang des kulturellen Mittelpunktes des Israelitischen Kultes (Jerusalem), verlieren sich auch die Spuren der Urgemeinde. Wohl wissen wir, das sich die Reste der Urgemeinde nach Pella, in die Wüste Nizzana zurück zog, doch ein zurück nach Jerusalem gab es für die hebräischen Jesusanhänger nicht mehr. Die Apostel sind alle Tod, das Judentum in seiner Gesamtheit – so auch die Urgemeinde - hatten etliche regionale Verfolgungen durch die Römer zu überstehen und kam dadurch an den Rand seiner Existenz. Ohne geistiges Zentrum und Mittelpunkt, ohne althergebrachte Führung, verlagerte sich in der Zeit ab 70 – 100 (n. u. Z.) der Schwerpunkt nach Alexandrien, dem eigentlichen Sitz des hellenistischen Judentums, welches weitestgehend von der Verfolgung durch die Römer verschont wurde. Hier gab es auch bereits von der Synagoge ganz unabhängige hellenistische – judenchristliche Gemeinden. Ein zweites Standbein waren die von Paulus, Barnabas, Apollo, etc. gegründeten Gemeinden in Italien, Griechenland und Kleinasien, die insbesondere aus Heidenchristen bestanden. All diese Gemeinden wurden in ihrer Bedeutung gestärkt, nachdem Jerusalem keine heilsgeschichtliche Bedeutung mehr hatte und zur römischen Provinzstadt wurde, in dessen geschichtlichen Verlauf Juden der Zutritt zur Stadt bei Tode verboten wurde.
Doch noch ein ganz wesentlicher Punkt spielt eine Rolle, die hellenistische Juden (die oft treue römische Staatsbürger waren) und Heidenchristen, von der Urgemeinde trennte. Es war das festhalten der Urgemeinde am israelitischen Kult und hier insbesondere die enge zum rabbinischen Judentum. Damit war aber auch die Urgemeinde schicksalhaft an alle politischen Ereignisse gebunden, die Israel mit aller härte durch die Römer traf. Die Verfolgung von Juden, die sich nicht in das Gefüge des Imperium Romanum einfügen wollten, traf auch immer die Urgemeinde ganz erheblich mit. Hiervon distanzierte sich nur all zu gern das Frühchristentum, das schon sehr früh darum bemüht war, eine offizielle Anerkennung als Religion im Imperium zu erhalten. Es mag daher nicht verwundern wenn bereits sehr früh (um 120 n.Chr.) polemische Schriften von Heidenchristen gegen die letzten Anhänger der Urgemeinde verbreitet werden, wo z.B. gesagt wird: Wenn das Stroh sein Korn gebracht hat, ist es wertlos (Ignatius).
Zum endgültigen Bruch kam es in der theologischen Auseinandersetzung, von der wir allerdings fast nichts über deren Hintergründe wissen. Schon früh begann die Kirche die Schriftzeugnisse der Nachfolger der Urgemeinde systematisch zu vernichten, (Schafft weg den Sauerteig der Juden aus unserer Lehre / Ignatius); ein böser Engel hat die Judenchristen beschwatzt am Alten Testament festzuhalten (Barnabas um 200). Nur vereinzelt finden wir in sog. Gegenschriften, Zitate aus diesem Umfeld der Urgemeinde. So sagt z.B. Tertullian über den Glauben der Nazarener (nicht ohne Verachtung für ihren primitiven Judenglauben!): … sie glauben … Jesus sei ein Mensch voll des heiligen Geistes, in dem der Engel des Herrn als Messias auftrat.
Man könnte derer Zitate weiterführen, um zu belegen, wie zerklüftet das Verhältnis zwischen diesen Beiden Gruppen war.
Die Wesensmerkmale für eine eigenständige Religion kommen aus diesen frühchristlichen Zentren. Ein eigenes Schriftgut, Kultideen und Glaubensaussagen, die allerdings in sich nicht unterschiedlicher sein konnten. Von einem einheitlichen Glauben im Frühchristentum zu sprechen, ist gelinde gesagt realitätsfremd.
Bereits die „echten“ Paulusbriefe, stellen einen ersten Schritt in die Richtung zur eigenen Religion dar, gleich wohl Paulus diesen Gedanken so noch nicht in sich trägt, glaubt er doch noch daran hellenistische Juden, Heiden und israelitische Juden unter einer Gemeinde - dessen Herr für ihn Jesus ist - zu vereinigen, denn der Herr kommt nach seiner Überzeugung schon in Kürze.
Das er für seine Agitationsbriefe allerdings Überzeugungen und Argumente anführt, welche gerade der israelitischen Urgemeinde nur schwer zuträglich sind, scheint ihm anfänglich selbst nicht bewusst zu sein. Kennzeichen dafür sind nicht nur die ungenügenden Kenntnisse des Paulus über Jesu Lehrgut, welches ihn letztlich auch nicht ernsthaft interessieren, geht es ihm doch um den himmlischen Jesus. Zum anderen Teil, argumentieret Paulus regelrecht unbedarft mit essenischen, stoischen, platonischen, philonischen, jüdischen – hellenistischen – apokalyptischen Lehrgut (Henoch, Eliasapok., etc) bis hin, dass er sich kontinuierlich weigert die hebräischen Schriften (Tanach) zu benutzen und stattdessen sich sehr frei die vom israelitischen Judentum verworfene Septuaginta zu eigen macht. In all seinem Gebaren spiegelt sich in Paulus selbst der hellenistische Jude wieder, dessen Wurzeln nie das israelitische Kultjudentum war, sondern die Diaspora und dessen ganz verschiedenen Einflüsse. Seine Konflikte mit der Urgemeinde, die nur noch ganz abgeschwächt aus der Apostelgeschichte mehr allerdings aus seinen Briefen hervortreten, finden genau hier seine Ursache. Der heftigste Vorwurf der Urgemeinde resultiert genau aus diesen Hintergründen:„Nun hat man uns von dir erzählt: Du lehrst alle unter den Heiden lebenden Juden, von Moses abzufallen, und forderst sie auf, ihre Kinder nicht zu beschneiden und sich nicht an die Bräuche zu halten.“(Apg. 21/21) Dieser Vorwurf, der übrigens ganz berechtigt ist und sich bei weitem nicht nur auf das Beschneidungsritual bezieht, sondern dessen Gewichtung auf dem ersten Teilsatz fällt = von Moses abzufallen, ist ein nicht untypischer Vorwurf an Teile des hellenistische Judentum und ihre entsprechenden Strömungen.
Ohne Zweifel, mit Paulus beginnt die Loslösung vom israelitischen Kult und dessen Gebräuche, welche so in die hellenistische Welt nicht exportierbar waren, sondern an Land (Israel), Volk (Israel) und Glaube (Israels Gott) gebunden war.
Mit dem Untergang Jerusalems als religiöses Kultzentrum und dem Sterben der Repräsentanten der Urgemeinde (Apostel) verlieren sich zugleich auch die Hoffnung und der Glaube auf die baldige Ankunft Jesu. Mit dem Wachsen der Erkenntnis, dass eine baldige Wiederkunft Jesu nicht zu erwarten ist und dem Verlust des Kultzentrums setzt sich auch eine andere Erkenntnis durch, man braucht religiöse Strukturen, Verbindlichkeiten, einen Kult und entsprechende Theologien und man braucht ein Traditionsgut, welches den neuen Verhältnissen angepasst ist. In dieser Einsicht ist die Ursache für das so späte entstehen der Evangelien und des anderen Schriftgutes zu erklären.
Teil 2.
Unter dem zunehmenden Verlust des Einflusses der Reste der einstigen israelitischen Urgemeinde, entwickelte sich auch das heutige neutestamentliche Schriftgut. Wir wissen aus der Überlieferung der Kirchenväter, dass auch die israelitische Urgemeinde neben dem Tanach eine eigene Schriftliteratur bildete, die eine Logienquelle der Worte Jesu (Urevangelium), kleinere Erzählschriften der Apostel und anderer Lehrer umfasste. Dieses Schriftgut hat allerdings die Zensur der Kirche nicht überstanden. Sehr aufschlussreich ist hier eine Aussage von Hieronymus, die uns die Brisanz dieses Schriftgutes vor Augen hält: 1. "Ein schwieriges Werk ist mir auferlegt, nachdem diese (Übersetzung) mir von Euer Hochwürden anbefohlen wurde, wovon St. Matthäus selbst, der Apostel und Evangelist, nicht wünschte, dass es offen geschrieben werde. Denn wenn das nicht geheim gewesen wäre, würde er (Matthäus) dem Evangelium hinzugefügt haben, dass das, was er herausgab, von ihm war; aber er stellte dieses Buch mit hebräischen Lettern versiegelt her und gab es noch dann auf solche Art heraus, dass das Buch, in hebräischen Buchstaben und von seiner Hand geschrieben, im Besitze der religiösesten Menschen sein sollte; die es auch im Verlaufe der Zeit von denen erhielten, die ihnen vorangingen. Aber dieses Buch selbst gaben sie niemals irgend jemandem zum Abschreiben, und seinen Text erzählten die einen auf die eine Art und die ändern auf eine andere. (Brief an die Bischöfe Chromatis und Heliodorus + de Viris Illustr., III.)
2. Es fand sich das echte und ursprüngliche Evangelium, hebräisch geschrieben von Matthäus, dem Zöllner, in der zu Caesarea von dem Märtyrer Pamphilius gesammelten Bibliothek, "ich erhielt Erlaubnis von den Nasaräern, die zu Beroea zu Syrien dieses benützten, es zu übersetzen", de Viris Illustr., III.
3. "In dem Evangelium, das die Nasarener und Ebioniten benützen", das ich neulich aus dem Hebräischen ins Griechische übersetzte und das von den meisten Leuten (alten Kirchenvätern) das echt Evangelium des Matthäus genannt wird und in chaldäischer Sprache, aber mit hebräischen Lettern geschrieben war. (Komment. Zu Matthäus XII. 13)
4. „Und es traf zu, dass dieses Buch … Stoff nicht zur Erbauung, sondern zur Zerstörung darbot (für die Kirche) und dass dieses (Buch) auf einer Synode approbiert wurde, worauf zu hören die Ohren der Kirche sich schicklich weigerten.“ (Aversus Haer. I. 26) Die Ursache dafür war : Das die Judenchristen, alle übrigen apostolischen Schriften verwarfen und nur dieses Evangelium benutzten (Adv. Haer; I. 26); und die sie glaubten, wie Epiphanius erklärt: „Ebenso wie die Nazarener halten sie fest daran, dass Jesus nur ein Mensch war, vom Samen eines Menschen".
5. Hieronymus bemerkt weiter, das dieses Hebräerevangelium „häufig benutzt“ hat der Origenes, der es Evangelium der 12 Apostel nannte, worin er bestärkt wurde in seinem Glauben an die Vorexistenz der Seele. (Diese Lehre wurde von der Kirche als „jüdische Lehre“ zur Häresie erklärt) (de Viris Illustr, Adv. Haer.)
6. Doch auch andere alte Kirchenväter kannten dieses Evangelium, angefangen von Papias, bis hin zu Julius Afrikanus und Eusebius, welche alle diese Schrift als das einzig echte Evangelium bezeichneten.
Die heutige Textforschung weiß, dass immer wieder dieses „seltsame Schriftstück“ in apostolischer Zeit aufgetaucht ist und etliche Kirchenfürsten es nicht lesen konnten, da es in fremder Sprache (hebräisch) geschrieben war und von daher kaum Interesse fand. Fakt ist auch, die Kirche verwarf dieses Evangelium auf Grund seines jüdischen Inhaltes und der Darstellung des Juden Jesus als natürlicher Menschen und auf Grund der zu jüdisch anmutenden Lehren und stufte es letztlich als gefährlich ein. Fakt ist auch, dass die jüdischen Nachfolger der Urgemeinde dieses allein benutzten und es auch in Synagogen verbreitet war. Soweit kann die Textforschung heute, auf Grund der Zeugnisse der Kirchenväter, den Sachverhalt recherchieren. Die Frage die sich stellt und die einst schon der renommierte kath. Theologe Prof. Alfons Deißler stellte ist, wieso konnte eine Schrift, die von der Mehrheit der großen Kirchenväter als einzig echte und verlässliche Schrift eines Augenzeugen über die Person Jesu und die Lehren Jesu von der Kirche als gefährlich und zu jüdisch eingestuft werden? Was erregte die Angst der frühen Kirche, dass es zu einer regelrechten Jagd nach diesem Schriftgut kam und in Folge dessen zu einer gänzlichen Vernichtung diese Schriftgutes, ja sogar in Folge dessen diese Glaubensgemeinschaften verfolgt und vernichtet wurden?
Mit dem entstehen des Schriftgutes im 1. und 2. Jahrhundert ist auch die intensive Auseinandersetzung um die Person Jesus ausgebrochen. Nach seiner Entjudaisierung folgte nun die Verwandlung Jesu zu einem griechisch sprechenden und denkenden Gottessohn, der seine erste literarische Vollendung im Johannesevangelium erreicht. Hier spricht Jesus in ganz klar hellenistisch belegbaren Aussagen, sein Wortschatz ist neuplatonisch, philonisch und stoisch, seine Begriffswelt ist philosophisch – philonisch bis neuplatonisch und sein Erscheinen ist antiken Gottessöhnen sehr ähnlich. Ein Meisterwerk hellenistischer Juden und philosophisch geschulter Heidenchristen, wie Sprachwissenschaftler den Verfassern dieses Evangeliums bezeugen.
Ein weiterer Wesenzug des gesamten neutestamentlichen Schriftgutes ist, dass es ausschließlich alle Vergleichsstellen zum alten Testament aus der Septuaginta bezieht und auch damit theologisch eine neue Christologie begründet, die mit der hebräischen Version des Tanach nie möglich wäre. Angefangen von der Jungfrau bis hin zum Einritt Jesu in Jerusalem auf zwei Eseln bis hin zu „biblischen“ Zitaten, die angeblich Jesus gesagt haben soll, die allesamt so nicht im hebräischen Tanach stehen, jedoch teilweise in der griechischen Septuaginta, zeigt sich die Bandbreite der theologischen Umdeutungen und Umgestaltungen der Person Jesu auf die Bedürfnisse einer hellenistischen Welt, die es für den neuen Glauben zu gewinnen galt.
Schon um 200 bemerkte Tertullian die zunehmenden Ähnlichkeiten Jesu mit hellenistischen Gottessöhnen und hier insbesondere mit dem Mithraskult. Sein logischer Schluss daraus zeigt jedoch deutlich das Selbstverständnis des frühen Christentums. So argumentiert Tertullian, dass der Teufel selbst Jesus nachäfft in Form ähnlicher Kulte. Das allerdings der Mithraskult schon um 600 v. u. Z. gut bezeugt ist, verschweigt er tunlichst. Gleiches trifft auch auf andere Kulte zu, wie ich schon aufgezeigt habe.
Noch deutlicher wird das gesagte an den theologischen Diskussionen der ersten 3. Jahrhunderte, die davon geprägt sind, das Christentum zur Weltreligion um zu gestalten und damit auch die Person Jesus. Der Wichtigste Faktor ist hier die „Vergottung“ Jesu. Dies geschah schon im entstehen der N.Tlichen Literatur und wurde noch wesentlicher in den folgenden Jahrhunderten betrieben.
Unmöglich kann ich hier die gesamte Entwicklungsgeschichte aufzeigen, jedoch an markanten Beispielen großer Frühchristlicher Theologen anführen: Einer von diesen war Origens, ein alexandrinischer Christ, den sogar Prophyrios (größter Gegner des Frühchristentums) schätzte. Origenes der als einer der größten Redaktoren der neutestamentlichen Schriften hervortrat, war zugleich auch einer der Wegbereiter für ein neues, nach hellenistischen Kulten geprägtes, klar strukturiertes Christentum. Sein hellenistisch geprägtes Bibelverständnis ist bis heute gängige Praxis aller Christen. Gleich wohl er von der späteren Kirche verbannt wurde und ebenso ein Teil seiner Lehren, wurde doch sein Theologieprinzip zur gängigen Praxis christlicher Exegese. Seine neuplatonische Christologie wurde zum Grundbaustein der Lehre der Kirche, die durch seinen christlichen Gegenspieler Tertullian noch seine lateinischen Einflüsse erhielt. In engster Anlehnung an Ammonios Sakkes, der auf dem Timaos Platons fußte, lehrte Origens als Erster eine Dreigliederung Gottes und zugleich der drei göttlichen Teilganzen zueinander als Homoousios (von gleicher Substanz), Logos aus Logos. Das war zur damaligen Zeit so revolutionär für das Christentum, dass Origenes gerade zu mörderische und kriegerische Aktivitäten unter den Befürwortern und Gegner innerhalb des Christentums auslöste. Die Synthese war damit vollzogen. Origenes schafft es sogar durch seine einzigartigen und nie wieder erreichten Auslegungsmethoden, alle großen Philosophen in den Dienst des Christentums zu stellen (z.B. Platon, Aristoteles, etc.), indem er alle christlichen Sätze mit denen der Philosophen in Einklang und Übereinstimmung bringt. Endgültig und ohne Umkehr war das Christentum in der hellenistischen Welt angekommen, ja geisteswissenschaftlich verankert.
Auch wenn Tertullian gegen diesen Neuplatonismus des Christentums ankämpfte = Zitat: „Jeder unserer Handwerker hat Gott gefunden, den Platon nicht gefunden hat. Was haben ein Philosoph und ein Christ, der Schüler Griechenlands und der des Himmels, der Verfälscher der Wahrheit und ihr Erneuerer, ein Dieb und der Wächter der Wahrheit gemeinsam? Mit Christentum haben sie nichts zu tun, wohl aber mit Ohrenkitzel, Torheit, Dämonentum, und nähern sie sich einmal der Wahrheit, sei es Zufall oder Diebstahl“. (Tert.apol. 24,38,42,46; praesc. haer. 7,14; Tert.apol. 19; anima 1f.;spect.17,29; etc); und lieber dem römisch Prinzip folgte, setzte er ebenso auf eine hellenistische Karte, die Stoa. Die Nachfolger Tertullians - insbesondere Cyprian (von ihm stammt das Nazischlagwort: Der Teufel ist des Juden Vater.), haben Tertullians Thesen überarbeitet und für eine kirchliche Einheitsgemeinde zurecht geformt. Er war der Erste, der von einer Trinitas Gottes sprach und damit den römischen Staatskult dem eine Trinitas vorstand dem Christentum anglich. Lactantius, ein hausgemachter Stoiker der insbesondere in all seinen Ausführungen stark an Cicero anlehnt, gibt der Kirche endgültig den römischen Einschlag vor.
Bezeichnend ist für diese Zeit, dass man gar keinen Hel daraus machte, wörtliche Zitate der hellenistischen Philosophen zu benutzen, taten dies ja die Autoren der Johannesschriften und ein Paulus gar selbst auch. Die Rechtfertigungslehre belegt zugleich, dass man die Philosophie als göttliches Hilfsmittel verstand, und zwar überall dort, wo sie sich in das christliche Lehrgebäude einfügen lässt (Origenes). Hier wird sich, von der Kirche, auf die apostolische Tradition berufen, auf Johannes und Paulus, wie schon ausgeführt.
Deutlich wird das gesagte z.B. an Bischof Iustinus (um 165) der sich selbst als Philosoph verstand, ganz offen einen Philosophenmantel und den damals üblichen Philosophenbart trug und ganz massiv die hellenistische Philosophie dem Christentum einverleibte und erklärte, dass das Christentum der Höhepunkt der der Philosophie sei. Sein Popularplatonismus mit kräftigem philonischen - stoischem Einschlag, womit er sich selbst als apologetischer Traditionsnachfolger des Apostel Paulus legitimierte, offenbart die Entwicklung des Frühchristentums gerade zu exemplarisch. Ganz deutlich spricht dafür seine Lehre vom logos spermatikos (der befruchtende Logos) welcher von den alten Propheten schon immer verkündigt worden sei, aber durch die Dämonen verdunkelt worden sei, aber durch die Philosophie offenbar geworden sei. Er ist der Logos Christus, das Mensch geworden Wort, die reine himmlische Lehre. Hier zeigt sich nicht nur deutlich das sophistische Lehrgut, das gerade zu Wortwörtlich übernommen wurde, sondern es beinhaltet zugleich die stoische Lehre über die ablehnende Haltung zu den Kulten.
Teil 3.
Natürlich gab es auch von Seiten Hellenistischer Philosophen deutliche Worte zu der Inanspruchnahme ihrer Philosophien, Theologien und Kulte für das neue christliche Lehrgebäude.
Insbesondere in Plotin, dem größten Gelehrten der Epoche, sah das Christentum einen ernsten Gegner, der sich vorzüglich im christlichen Schriftgut auskannte. Er selbst empfand das Christentum als: „barbarische Verdrehung platonischen Lehrgutes“. Doch dem Christentum damaliger Zeit sollte noch ein größerer geistiger Gegner begegnen - Porphyrios (234-301 n.Ch.). Porphyrios war nicht nur ein Schüler Plotins sondern auch dessen Biograph. Er war geradezu ein leidenschaftlicher Gegner des Christentums und zugleich wohl auch einer der besten Kenner dessen. Er zeigte nicht nur die Widersprüchlichkeiten der Überlieferungen über Jesu auf, die sich z.B. in den Evangelien befinden, was ja schon Origenes zu erklären suchte, sondern bewies mit hohen Sachverstand, dass, das Christentum in sich ohne eigene Ideen wäre und nur aus Diebstahl vom griechischen Mythos und hellenistischer Philosophie besteht. Er nannte Paulus einen widerspruchsvollen Sophisten, da er schon in seinen Briefen widerspruchsvolles sophistisches Glaubensgut verwandte. Für ihn war das Christentum unlauter und geprägt voller Lügen. Die ersten Bücherverbrennungen der Christenheit galt den Werken des Porphyrios, den es vermochte nicht ein einziger Theologe seiner Zeit, ihn auch nur im Geringsten zu widerlegen, wie Zeitgenossen berichten. Was den genauen Inhalt seiner Werke betrifft, so wissen wir nur sehr wenig - außer aus Zitaten. Es ist davon auszugehen, dass er das Urevangelium kannte - also die historische Überlieferung über Jesus, die längst schon von der Kirche abgelehnt bzw. nur bedingt angenommen wurde. Es mag wohl dahingehend seine Begründung finden, was seine massive Ablehnung einer Göttlichkeit Jesu erklärt (Makarios 3/15 - 4/24; Halbfaß-Porphyriosschriften).
Die massiven Angriffe hellenistischen Philosophen auf das Christentum, die dazu führten das sich immer wieder massenweise Christen vom Christentum lossagten, hatte oft bedrohliche Ausmaße für diese Neue Religion angenommen und erzeugte eine Trendwende in der Theologie des Christentums. Vermehrt traten nun hochgradig geschulte Philosophen und Theologen im Dienste des Christentums auf, die nicht nur vorzügliche Kenner hellenistischer Philosophie waren, sondern mehr noch sich in dessen Mysterienkulten auskannten. Es ist die „Geburtsstunde“ der sog. „apostolischen Väter“, die maßgeblich am Werden und Wachsen einer Religion des Christentums wirkten und auch ihre neutestamentliche Redaktionsarbeit war nicht unerheblich für diesen Entwicklungsprozess.
Ein ganz klassisches Beispiel hierfür ist die Magoigeschichte des Matthäusevangeliums.
Teil 4.
Es gibt Themen in der Textforschung, da wird leidenschaftlich gekämpft, um jedes Wort gestritten und davon gibt es wahrlich viele im Bezug auf das N.T. Dann gibt es Themen, zu denen man nur wenig Aussagekräftiges hört, es sind die sog. Stiefkinder der Textforschung.
Eines davon und hier herrscht auf ganzer Bandbreite höchste Stille, ist die Frage nach den Magoi, welche zuerst zu Weisen gemacht und dann zu Königen umfunktioniert wurden. Dieses Sondergut des Matthäus wurde schon in frühester Zeit prächtig ausgemalt und zum kulturellen und volkstümlichen Event der Christenheit.
Die ernsthafte Textforschung ist sehr schweigsam (gemessen an den Forschungsergebnissen zu anderen Fachgebieten) und zeigt nur wenig Interesse an diesem Sondergut, dass noch immer eine Menge an Fragen offen lässt. Insbesondere der, wie kommt diese antike Geschichte in das Evangelium.
Ganz sicher wissen die Textforscher, dass allein schon das Wort Magoi einen ganz bitteren Beigeschmack hat, bezeichnet es doch in der jüdisch antiken Literatur eine Personengruppe, welche als Wahrsager, Dämonenzauberer und Mysteriendiener, ein Berufsstand war (JA 10/ 195, 216, de Vita Moysis 1/92). Zugleich kennen diesen Berufsstand natürlich auch die antiken Autoren und Cicero weiß z.B. von ihnen zu berichten, dass sie es waren, welche einst über Alexander den Großen eine wundersame göttliche Geburt voraussagten (Herodot Historien I 120, 128).
Selbst im N.T. taucht, neben Matthäus, diese Gruppe, noch einmal auf. Simon der Magoi (Apg. 8) und auch in Zypern findet man solche (Apg. 13). Hier jedoch mit einem beträchtlichen negativen Hintergrund. Das hier Juden als Magoi anzutreffen sind mag nicht verwundern, wenn man sich dazu Shabbat 75a anschaut, wo wir erfahren, dass es Juden in damaliger Zeit gab, die sich dieser Gruppe von Magoi anschlossen.
Doch auch im Tenach finden wir diese Magoi wieder. Hier ist namentlich Bileam benannt, der einst verkündete, aus dem Hause David wird ein Stern hervorgehen. Allerdings sind sich auch die Autoren des N.T. einig, dass Bileam nur wenig Gutes zugesprochen werden kann (2. Ptr. 2/ 15-16, Jud. 11, etc.). Das deckt sich gänzlich mit der jüdischen Ansicht über Bileam und seine Berufskollegen.
Was wissen wir über diese Magoi? Philo kennt sie persönlich und nennt ihren eigentlichen Ursprung aus Persien kommend, welche sich jedoch über die ganze „Welt“ bis nach Ägypten verbreitet haben (De vita Moysis 1/92). Dieser Aussage stimmt das N.T. zu, die ihre Verbreitung bis nach Zypern erwähnt. Philo berichtet weiterhin, dass diese Magoi hoch gebildete Wissenschaftler waren (De specialibus legibus 3, 100) Was wir auch wissen, dass es nur zwei Gruppen in der Antike gab, welche sich so bezeichneten. Zum einen die Priester des Zarathustrakultes, welche jedoch kaum die Grenzen Persiens überschritten und die Priester des Mithrashkultes, der aus dem Zarathustrismus hervorging, welche im ganzen antiken Raum – von Indien bis nach Germanien anzutreffen sind.
Die mithräischen Magoi waren ähnlich wie die altägyptischen Priester, nicht nur durch den Stand als Priesterkaste hervorgehoben (Priesterkaste der Mader), sondern Kultbewahrer und Meister auf dem Gebiet der Astronomie und Sterndeuter und ebenso auch Missionare, welche ihren Glauben an den „Sohn Gottes“ Mitrash als Weltenheiland verkündeten.
Diese Aussage bestätigt auch der Kirchenhistoriker Eusebius und Origenes (Demonstratio evangelica 9/1 + Homilie zu Numeri 13/7). Insbesondere führt Eusebius aus, dass die Magoi am kaiserlichen Hofe hoch geschätzt sind (Konstantin förderte sie ebenso zeitlebens), weil insbesondere ihre Himmelschauen und Vorhersagen als sehr zuverlässig galt. Nicht selten spielten sie im Machtpoker um den Kaiserthron von Rom eine bedeutende politische Rolle. Insbesondere dadurch gelang es ihnen den Mithraskult im ganzen Imperium Romanum zur vorherrschenden Kultreligion auszuweiten, welcher später als Sol Invictuskult zum ersten römischen Staatskult wurde.
Äußerlich waren die Magoi sehr auffällig durch ihre Rote Kopfbedeckung den phrygischen Mützen erkennbar. Mithras selbst erscheint in Fresken und Skulpturen mit dieser Mütze.
In der S.-Domitilla-Katakombe, wo eine der ältesten christlichen Darstellungen der 4 Weisen (dazu später mehr) dargestellt ist, finden sich ebenso solche Kopfbedeckungen, wie im Mithraskult üblich und gerade die Geburtskirche in Bethlehem verdankte diesem Fakt ihre Verschonung durch die Perser, da sie in ihr auch eine Kultstätte ihres Gottes erkannten.
Diese Kultbedeckung erfreute sich noch lange Zeit als Modeerscheinung und selbst die guten deutschen Gartenzwerge dürfen sich einer reformierten phygischen Mütze erfreuen.
In frühgeschichtlichen Darstellungen der Magoi schwankt die Zahl zwischen 2 und 12 Personen. Doch schon Anfang des 3. Jahrhunderts spricht der Theologe Origenes wegen der drei Gaben Gold, Weihrauch und Myrrhe von drei Männern. Jedoch erst im 6 Jahrhundert setzten sich die Dreizahl und zugleich auch die angebliche Königswürde durch. Klar ist Matthäus verschweigt die Anzahl der Personen.
Wie kommen nun genau die Magoi in das Matthäusevangelium? Hier ist sich die Forschung noch uneins und es gibt verschiedene Thesen dazu. Klar ist, dass im Ursprungstext weder etwas von der Geburt Jesu noch von den Magoi gestanden hat. Diese Texte gehen auf wesentlich spätere Traditionen zurück, welche nicht vor 100 n. Chr. entstanden sein können und wohl frühestens um 120 n. Chr. ihren Eingang in dieses Evangelium gefunden haben können. Hier liegt auch der eigentliche Hintergrund der Magoigeschichte. Ausschlaggebend dafür ist auch das Verbreitungsgebiet dieses Evangeliums.
Doch schauen wir uns erst einmal in der Antike um, ob es eine Vorlage zu dieser Geschichte gibt und man wird nicht lange suchen müssen und wir finden eine solche Geschichte wieder, nämlich aus den späten fünfzigern oder frühen sechziger Jahren des 1. Jahrhunderts, welche uns Plinius der Ältere und Casius Dio überliefert hat (Naturgeschichte des Pl. 30, 6 16 – 17 + römische Geschichte C.D. 63/1-7). Hier berichtet Plinius und Casius, dass ein großes Gefolge von Magoi, kommend aus dem östlichen Reich (Armenien) unter Führung des Königs Tiridates nach Rom zog, um den neuen Gottkönig Nero zu huldigen. Ganz abgesehen von den Huldigungsgeschenken, welche Nero in Übereinstimmung zu Matthäus überbracht wurden, ist erstaunlich, dass besagter Tross, gleich wie bei Matthäus erwähnt, auf anderem Wege zurückkehrt. Erstaunlich ist auch, dass die Sterndeuter laut Matthäus Jesus in einem Haus auffinden und nicht in einer Höhle wie bei Lukas. Dieses Haus „OIKIA“, wie es im griechischen Text heißt, ist ein Wohnhaus und kein Stall oder eine schäbige Behausung, sondern wird in antiken Texten sogar mit Kaiserhaus verwendet. Ein deutlicher Gegensatz zu Lukas!
Tatsache ist, dass der Besuch der Magoi am Kaiserhof des Nero ein außergewöhnliches Ereignis war, welcher sich mehrfach in antiken Texten widerspiegelt. Dass die Reise des Königs Tiridates dann auch noch durch Syrien – im Grenzgebiet zu Israel vorbei ging, mag letztendlich einiges erklären. Denn genau dort, in Syrien entstand das heutige Matthäusevangelium.
Doch noch ein wesentlicher Fakt ist wichtig und hieraus erklärt sich die Bedeutung der Geschichte letztendlich und schlüssig. Der Mithraskult war der schärfste Konkurrent des frühen Christentums und wir wissen aus den Kirchenvätern selbst, dass gerade diese Magoigeschichte gerade bei den Mithrasanhängern nicht ohne Einfluss blieb. Hier ist sich dann letztendlich die Forschung auch einig, diese Geschichte ist eine Missionsgeschiche, welche ursprünglich auf eine ganz bestimmte Gruppe abzielen sollte, welche ihre intensivste Verbreitung gerade in Syrien fand, den Mithrasanhängern. Doch noch ein Fakt ist hier nicht außer Acht zu lassen und dieser ist mit dem Namen Nero eng verbunden. Nero, der als erster Kaiser dem jungen Christentum Grenzen setzte, wird die Huldigung Jesu entgegn gehalten, so zusagen als Pandon und Vis a Vis. Jesus ist der wahre König von Gott bestimmt und nicht Nero. Und genau dieser Fakt wird von späteren Kirchenvätern aufgegriffen, welche die Magoi des Nero als „von Dämonen beschwatzte“ bezeichnen.
Ich meine, eine denkwürdige Geschichte.
Aus dem Hintergrund, dass die Evangelien, so wie wir sie heute vor uns liegen haben, in erster Linie Missionsschriften sind, ist es eine gängige antike Praxis, welche uns hier begegnet. Selbst die römischen Kaiser änderten die Geschichte zu ihren Gunsten und da nahmen sie schon Anlehnung bei den alten Ägyptern (Ramses II), der propagandistisch verloren Kriege zu Siegen umzumünzen wusste.
Teil 5.
Im Verlauf von einhundert Jahren schaffte es das Christentum sich so der hellenistischen Philosophie zu bemächtigen, dass es kaum noch ernsthafte Gegner aus diesem Spektrum gab. Viel mehr tobte der innerkirchliche Streit zwischen Hellenisten und Lateiner. Neben dem Streit um die kanonischen Schriften, tobte besonders ein Machtkampf unter dem in sich gespaltenen Christentum um die Vorherrschaft. Dies ging sogar soweit, dass 217 n.Ch. ein heidnische Kaiser in die Tumulte einschreiten musste, weil er das öffentliche Leben in Rom gestört sah.
Ein Bild wird uns von Celsus überliefert, welches hier Beispielhaft angeführt werden soll. So berichtet Celsus im späten 2. Jahrhundert, als sich gerade die katholische Kirche konstituiert: „Seit die Christen zu einer Menge angewachsen sind, entstünden unter ihnen Spaltungen und Parteien, und ein jeder wolle sich - denn danach trachten sie von Anfang an - einen eigenen Anhang schaffen. Und infolge der Menge trennen sie sich wieder voneinander und verdammen sich dann gegenseitig; so dass sie sozusagen nur noch eins gemeinsam haben, nämlich den bloßen Namen - im übrigen hält es von den Parteien diese so und jene anders“. (Orig. c. Cels. 3.10) So opferten die einen Christengruppen ohne innere Glaubenskonflikte römischen Kaiserbildern, wenn es von ihnen gefordert wurde, wofür andere hingegen ihr Leben ließen, weil sie es nicht mit ihren Glauben vereinbaren konnten, Kaisern göttliche Huldigungen zu erteilen. Ob so oder so, sie alle nannten sich Christen und beriefen sich auf die Bibel und die wahre Ecclesia zu sein. Für die einen war es Gehorsam gegenüber der Obrigkeit, für die anderen Götzendienst. Es mag nicht verwundern wenn wir erstaunt feststellen müssen, dass es nie eine wirklich große - alle Gläubigen umfassende Christenverfolgung durch das ganze römische Reich gab, gleich wohl wir von den Kirchen anderes schon gehört haben. Es gab regionale Verfolgungen die im Wesentlichen aber davon abhing, welche Prägung diese Christengruppen hatten.
Im frühen 3. Jahrhundert kennt Bischof Hippolyt von Rom 32 konkurrierende christliche Sekten. Am Ende des 4. Jahrhunderts nennt Bischof Philaster von Brescia 128 christliche Sekten und 28 Häretikerpartein.
Der Historiker Carl Schneider berichtet über diese Zeit: ”...Nach dem Vorbild der Philosophenschulen suchten diese Bischöfe (z.B. von Rom) sich durch Traditionsketten zu legitimieren, die möglichst bis hin zu den Aposteln reichen sollten. Dieses Verfahren unterscheidet sich in nichts von dem Bestreben späterer Philosophen, zu Sokrates, oder späterer Herrscher, zu Alexander (dem Großen - Herrscherideal der römischen Cäsaren) die Verbindung zu knüpfen. So entstanden nicht nur gefälschte Bischofslisten, sondern auch die Behauptung, dass Tradition die Reinheit der apostolischen Lehre garantiere. ... Aber die Kämpfe verlagerten sich nur auf andere Ebenen und wurden umso heftiger, je mehr Anhänger der Philosophenschulen und andere Gebildete Christen wurden. Ihnen gegenüber fühlten sich aber die kleinen Handwerker, Sklaven, Ungebildeten, denen das Christentum ein starkes Selbstbewusstsein gegeben hatte, als wahre Philosophen; teilweise wurden sie sogar noch bildungsfeindlicher, je mehr sie Bibelworte und oft unverstandene Begriffe verwenden konnten. Die Streitigkeiten, deren Leidenschaftlichkeit wuchs, hatte im Osten mehr spekulative, im Westen mehr praktische Gründe. Aber scharf lässt sich das nicht trennen. Überraschend ist nur, mit welcher Gehässigkeit sie ausgefochten wurden, besonders in den Zeiten, in denen die Kirche vom Staat in Ruhe gelassen wurde. Bischöfe und Laien, die wie Dionysios von Korinth (ca. 170), sich ehrlich um Frieden bemühten, waren selten und hatten wenig Erfolg. Es gab schon im 2. Jahrhundert zu viele Bischöfe, die ihre Macht besonders über die kleinen Kreise mit dem Charisma veritalis verwechselten” (Prop., Bd. 4-S. 456).
Diese beiden Formen - die hellenistische und lateinische Theologie - der Neuplatonismus und die Stoa, werden zum Maßstab der Kirche, vor der großen Wende – mit der das Christentum seinen Aufstieg zur Staatsreligion begann. Notwendige Reformen dazu waren noch nötig, doch der Weg dahin wurde durch die Theologie geschaffen, die es ermöglicht hat jüdisches Glaubensgut und messianische Hoffnungen, so der antiken Welt anzupassen, dass es die Welt erobert. Der Preis dafür war allerdings sehr hoch, die Verleugnung seiner Herkunft aus dem pharisäischen Judentum, die Verteufelung allen israelitischen und die Verketzerung des Judentums. Es mag nicht erstaunen, wenn z.B. auf der Synode von Elvira (306) es unter strengster Strafe untersagt wird, mit Juden zu essen, Mischehen einzugehen, ja der Kontakt mit Juden den Ausschluss von der Kommunion bedeuteten kann (Syn.Elv.c.16:49;78,etc.). Das Christentum ist hellenistisch geworden und begann mehr und mehr seine israelitischen Wurzeln nicht nur zu verleugnen, sondern zu beseitigen. Nicht nur Kult und Feiertage betraf dies, sondern ganz besonders den Juden Jeschua, der zum hellenistischen Jesus Christos wurde, ein Begriff, den das Judentum so nie kannte.
Noch heute können wir die antiken Bildnisse des Jesus Christos sehen, welcher mit dem Strahlenkranz des Sol-Invictus (römischer Staatsgott) und als Imperator Rex (göttlicher römischer Weltenherrscher), die neue Religion zum Siegeszug in Europa führte. Mit einem jüdischen Rabbi aus dem Dorf Nazareth wäre ein solcher Erfolgszug zu einer religionspolitischen Weltmacht, die letztlich zum einzigen Erbe des Imperium Romanum wurde, nicht zu machen gewesen. Es bedurfte der Integration der antiken Kulturen und Religionen, um diese Erfolgsgeschichte schreiben zu können. Allein das Christentum bot diese integrative Kraft an und hierin liegt das Geheimnis der Erfolgsgeschichte, die auf einem anderen Erdteil ein Mann Namens Mohamed kopierte und dort ebenso zum Erfolg führte. Das integrative Prinzip ist bei beiden Religionen, dem Islam und dem Christentum völlig identisch.
Lieber Absalom,
wieder meine herzlichsten Dank und für die heissen Tage wünsche ich dir einen leichten kühlen Wind.
LG Martin
Lieber Martin, gerne doch!
Ich werde mich ab nächster Woche einmal für 5 Wochen in den Urlaub versenden. &hurra
Zumindest habe ich mir selbst versprochen kein Buch anzurühren!
Dir auch einen schönen Sommertag!
Absalom
Hi Absalom,
eine schönen Urlaub wünsche ich dir. Der Vorsatz kein Buch anzurühren impliziert eine erhöhte durchschnittliche Lesebereitschaft. Na dann, : -)
Ich habe noch 14 Tage bis zu meinem Urlaub. Ich werde im August eine Woche in Taize verbringen. Ich freue mich scon drauf.
LG Martin
@Absalom und
Martin
&hängematte
Schönen Urlaub !
Lieber Absalom,
ui, 5 Wochen, so lang bekam ich nie Urlaub.
Gute Erholung und eine ganz schöne Zeit wünsche ich dir.
Auch dir, Martin, wünsch ich eine gute, gesegnete Woche in Taize.
Ach ja... erwischt &beobachten
:) Ich habe 2 Wochen ohne Notebook, Netbook, PDA und Handy ausgehalten - dafür habe ich Bücher fast verschlungen.
Liebe(r)? Mirjamis,
vielen lieben Dank dafür. Wir starten am siebten August. Ich freue mich schon auf Taize. Es ist für mich ein tolle Begegnungsstätte der besonderen Art. Ich fungiere dort unter anderem als Aufsichtsperson für die Firmgruppen aus unserer Gemeinde und lasse mich überraschen welche Aufgaben noch auf mich zu kommen.
Herzlich Martin
Ich bin stolzer Besitzer eines Handys,alles andere brauch ich nicht schäm
Wobei mein Handy kann weder Kaffee kochen,einen Verband anlegen,Wasser holen noch mich trösten
Da lob ich mir die Menschen die mich in den Arm nehmen,ein Pflaster auf meine Wunde pappen,und im Zeitalter all dieser technischen Errungenschaften es noch fertigbringen einen Brief zu schreiben oder eine Postkarte zu schicken.
Ohne Hilfsprogramme wissen wie man schreibt,das einmal eins können und statt ner mail oder sms einfach da sind.
Und Ihren Weg zu mir finden ohne tom tom oder so.
Die einfach noch wissen wie man gradeaus geht,das 2 und 2 gleich vier sind ohne einen minicomputer fragen zu müssen.
Die es morgens schaffen sich die zähne ohne elektrobürste zu putzen.
Und wenn grad irgendeine technische Errungenschaft nicht zur Hand,noch fähig sind ein Telefonbuch zur Hand zu nehmen,um die Nummer eines Menschen rauszufinden,der ihnen wichtig ist.
Wie einfach doch das Leben sein kann,wenn man will
OK, ich muss gestehen - ich bin ein Technikjunky. Ich liebe all diese kleinen, prozessorgesteuerten Teilchen und kann mich an so manchem blinkend-piependem Ding echt erfreuen.
Aber ich nehme auch Pflaster ;) und schreibe Postkarten mit so 'nem spitzen Ding (nennt sich Füllfederhalter) und meine Bücher sind noch aus Papier.
:-) poe
Schönen Urlaub, lieber Absalom und erhole Dich gut!!!
Ingo
Bin schon gespannt, wie es weitergeht.
Na, Absalom, hast du es auch wirklich ohne Bücher so lang ausgehalten??????
Liebe Mirjamis, noch etwas Geduld, noch habe ich Urlaub und die Bücher ja - hm - hat nicht so funktioniert. &buch
&affe
Absalom
Abschlussbetrachtungen zum Thema Hellenismus und Christentum
Teil 1: Eine Erblast der Geschichte
Teil 2: Satan ist an allem Schuld
Teil 1
Ohne Zweifel, Geschichte kann eine ganz furchtbare Erblast für spätere Generationen sein. An der jüngsten Deutschen Geschichte, die einst von einem dritten Reich träumte, zeigt sich, wie diese bis in unsere Zeit uns prägt. Und hier ist nicht nur der Focus auf Deutsche begrenzt, sondern auf alle Menschen, egal ob in Europa, Amerika, Asien, Afrika oder sonst wo. Der 2. Weltkrieg hat nicht nur Landesgrenzen neu gezogen, sondern hat sich geschichtswirksam im Bewusstsein der Menschheit eingeprägt.
Geschichte ist immer Geschichtswirksam für spätere Generationen. Wie ein Brandsiegel tragen wir Geschichte in uns. Geschichte ist Träger unserer Kultur, unseres Brauchtums, unserer religiösen Vorstellungswelten, ja sie ist Träger unserer Identität und unseres Selbstverständnisses als Volk oder Nation. Wir selbst sind nicht nur Bestandteil von Geschichte, sondern wir selbst sind Gestalter von Geschichte.
In seiner unvorstellbaren Schöpfungskraft gedachte „Gott“ einst uns Menschen diesen Part zu, wir sollen Geschichtswirksam sein. Unser Verhältnis zu Gott ist Geschichtswirksam, wir schreiben Geschichte mit Gott – im wahrsten Sinn des Wortes. Die Unzahl heiliger Büchlein sind allein schon dafür Zeugnis genug.
Doch „schreibt“ Gott mit uns Menschen auch Geschichte? Ist Gott geschichtswirksam, wie nur allzu bereitwillig alle Religionen bekennen und ihr Dasein auf Gott zurückführen? Ist der Zeitlose, Unfassbare, Allmächtige „DASEIENDE“ wirklich Bestandteil unserer Geschichte, unserer Entwicklungen, unserer Religionen, unseres Handeln und Tun, unserer Kriege und Friedenschlüsse, unserer Irrungen und Verwirrungen, unserer Barmherzigkeit und Liebesfähigkeit, etc? Ist Gott mitschuldig an dem elenden Versagen unserer Menschheit, welche sich wohl ehrende ethische und religiöse Ziele gesetzt hat und doch kläglich im Alltag an diesen scheitert? Ist Gott mitschuldig an der Verarmung des Großteils der Menschheit, der Korruption von Gesellschaftssystemen, der Unmenschlichkeit in sog. Verteilungskampf um die Ressourcen der Welt, an kriegslüsternen Treiben von Regierungssystemen oder Diktatoren, an Religionskriegen und Glaubenskämpfen, an Hochreligionen und ihren Machtgelüsten, etc?
Man möchte vorab gleich Nein sagen, Gott in diese Menschheitsgeschichte zu integrieren, man möchte diesen „heiligen Gott“ nicht mit der Geschichte der Menschheit in Verbindung bringen, man möchte Gott nicht diese Irrungen und Verwirrungen zugestehen, man möchte eigentlich Gott aus Allem heraus halten, so der subtile Gedanke. Was hat Gott mit dieser Geschichte der Menschheit zutun, was für eine Geschichtswirksamkeit kann dieser „Gute und Heilige Gott“ in dieser Menschheitsgeschichte offenbart haben?
Der Kreis schließt sich, wenn man eben genau diese ganz heiligen Büchlein und Schriften nimmt, von den alten Hochkulturen angefangen bis in unsere Zeit hinein und nachlesen kann das genau diese Geschichtswirksamkeit auf Gott zurückgehen soll. Das fängt an bei der Auserwählung heiliger Völker – nicht nur Israel verstand sich so, sondern auch die Ägypter, Babylonier, Sumerer, Griechen, Römer, etc -, bis hin zu Gesetzes- und Gebotskodexen und Kriegsbefehlen – bis hin zum Völkermord. In allen diesen alten und neueren Kulturen und Religionen findet sich für das Handeln der Menschen die Begründung in Gottes Anweisungen.
Auf der anderen Seite finden sich aber ebensolche Anweisungen wieder, die das Ethos des Menschen in besonderer Weise hervorheben. Die Liebesfähigkeit des Menschen, die Friedfertigkeit und die Barmherzigkeit des Menschen.
Es verwundert nicht, dass schon sehr früh gelehrte Beobachter heiliger Schriften diese unvereinbaren Kontraste zwischen gebotener Nächstenliebe und Mordbefehlen feststellten und sich fragten, welche Zwiespältigkeit das Göttliche in sich trägt. Die Antworten waren ganz unterschiedlich und zeigen den Einfallsreichtum menschlichen Geistes und doch zeigt es auch unsere allzu menschliche Herangehensweise an diese Thematik.
So wurden „Gott“ sog. Gegengötter angedichtet, welche die guten Absichten des einen Gottes durch andere Götter aus der Götterfamilie zu Nichte machten. Diese Ansicht, die menschliche Eigenschaften auch auf das Göttliche projiziert, findet sich in allen alten Hochreligionen. Oder aber „Gott“ wird ähnlich eines Schauspiels zum Schauspieler, der sich ganz verschiedene Masken aufsetzen kann um seinen Gelüsten oder gar Bedürfnissen entsprechendes Antlitz zu geben. Diese Form der Gottesdarstellung findet insbesondere seit der hellenistischen – philosophischen Epoche eine besondere Gewichtung. Ein weiterer Aspekt ist die Vermenschlichung Gottes, indem sich Götter mit Menschen vereinigen, oder auf wundersame Weise erzeugen. Eine Praxis, die schon bei den alten Pharaonen gang und gebe war, indem sich Gottheiten in Form von Geistbefruchtung selbst ein irdisches Antlitz gaben.
Bei all diesen Formgebungen des Göttlichen kommt ein ganz wesentlicher Punkt zum tragen, es ist die Einbeziehung des Göttlichen in die menschliche Geschichte. Das Göttliche wird auf unsere dimensionale Seinsweise projiziert und für unsere ganz eigene Geschichte vereinnahmt. Das Göttliche wird menschlich, dass Menschliche wird göttlich. Gott wird Mensch und Menschen werden zu Göttern. Die Geschichtswirksamkeit unseres Daseins wird zur himmlischen göttlichen Dimension erhoben und damit aus den irdischen Dimensionen enthoben. Menschliches Tun und Handeln wird zur Göttlichkeit erklärt und somit legitimiert, Geschichte, sei sie noch so Schlimm in ihren Folgen, wird zum göttlichen Akt erhoben, Gott wird zum Täter an der menschlichen Geschichtswirklichkeit. Zorn und Rachegelüste werden diesen Göttern ebenso angedichtet wie Kriegslust und Völkermord. Ja selbst göttliche Liebesakte und göttliche Zwangsschwängerungen sind im Bereich des Möglichen und hier ist Maria nicht die einzige Frau, die für solche Ideen herhalten muß wie uns antike Heldenepose erzählen. Bei Göttern scheint alles möglich zu sein und so steht der Mensch im Spannungsfeld dieser göttlichen Spiele.
Die Griechen ersannen dafür sogar eigene Theaterstücke, die auf sehr eindrucksvolle Weise den Menschen in diesem Schauspiel göttlicher Macht darzustellen wissen. Helden leiden für göttliche Ideen, Menschen werden zum Spielball innergöttlicher Machtkämpfe, böse Götter verführen Menschen um guten Göttern zu schaden, gute Götter verführen Menschenfrauen, um sich Helden zu erschaffen, etc. Das Spektrum an Erklärungskünsten reicht weit in die Tiefen menschlicher Phantasie und Vorstellungskraft.
All diese Denkmodelle, ob nun zelebriert in sog. heiligen Theatern, Kultritualen, heiligen Büchlein, oder in Geschichtserzählungen anderer Art, sind Zeugnis dafür, wie begrenzt der Mensch in seiner Umwelt – dem irdischen Dasein – ist. Es zeugt davon, wie ärmlich unsere dimensionale Seinsweise ausgeprägt ist, es zeugt davon, wie irdisch unser Verstehen von nichtirdischen Verhältnissen ist, es zeugt davon, dass wir Menschen sind.
Schaut man in die Religionsgeschichte der Menschheit zurück, so finden sich immer wieder die gleichen Formen der Darstellung göttlichen Seins. Von der Frühzeit bis in unsere Zeiten hinein hat sich daran absolut nichts verändert. Wir können offenbar nicht anders, als in immer wieder den gleichen Formen Ausdruck auf unsere existenziellen Fragen nach dem Göttlichen geben, indem wir Gott zum Menschen deklassieren und somit auch dessen Handeln und Tun vermenschlichen.
Es scheint für den Menschen inakzeptabel zu sein, dass eventuell Gott eben nicht Geschichtswirksam ist, sondern Gott den Menschen einfach nur Mensch sein lässt. Das dieses unfassbare Wesen, warum auch immer, ein Wesen erschaffen hat, das autonom und mündig in begrenzten Raum und Zeit leben muß. Es scheint unvorstellbar zu sein, dass der Mensch in seinem Wesen boshaft und grausam sein kann, aber ebenso gutmütig und liebevoll und das eben dieser Mensch täglich vor der Entscheidung steht, ohne Gott die richtigen Wege für ein gemeinsames Dasein zu finden. Wie schwer fällt es dem Menschen doch, seiner inneren Ethik und seiner inneren Herzenseinsicht Gehör zu verschaffen, wie schwer ist es doch, die Welt in der wir leben nicht als Eigentum zu betrachten, sondern als Aufenthaltsort auf Zeit, den wir gemeinschaftlich begrenzt „Paradiesisch“ gestalten könnten, wenn wir es denn wollten. Wie schwer ist es doch für uns zu verstehen, dass wir diese Erde mit anderen Lebewesen fair teilen müssen, Unwidrigkeiten nicht als schädlich, sondern Naturgegeben und als Chance zu verstehen, unser Dasein nicht als Non Plus Ultra zu definieren, sondern als Teil vom Ganzen zu definieren. Wie schwer ist es doch, unser Dasein tagtäglich zu reflektieren und Kurskorrekturen vorzunehmen. Um wie viel einfacher ist es doch, Gott zum Zeugen unseres Exklusivstatus zu erklären, unser Tun und Handeln durch Gott zu legitimieren, Gott zum Schöpfer widernatürlicher Gebotsvorschriften oder gar Gesetze zu berufen und all das letztlich deshalb, damit wir in „würdevoller“ Macht leben dürfen über Alles und Jeden, ja sogar letztlich über das Göttliche. Wir schrecken nicht davor zurück, Gott zu vermenschlichen um ihn zum Sündenbock unserer Unzulänglichkeiten zu machen oder noch viel einfacher, Gott seltsamste Opferpraktiken unterzujubeln, damit unsere Verfehlungen unser Gewissen nicht belasten. Gott darf natürlich auch unsere innigsten Machtwünsche äußern und folglich darf Gott zu Ausbeutung, zu Mord und Totschlag ja sagen und wenn es der Sache Gottes oder seiner Diener dient. Wie einfach ist es doch für den Menschen mit einem Gott zu leben, es hat faktisch für Täter und Opfer unglaublich viele Vorteile. Nicht der Mensch selbst steht im Focus seiner Handlungen, sondern immer Gott, der Tätern und Opfern auf gleiche Weise dienen darf. Dem Einen gibt er die Rechtfertigung, den Anderen die Erlösung.
Dieser Universalismus zieht sich wie ein rotes Band durch alle Religionen, gleich welcher besonderen Ethik man huldigt, denn die Ziele sind letztlich immer die Gleichen. Was sich ändert sind nicht einmal die Argumente, sondern die Verpackung und Vermarktung solcher Ansichten.
Als schlaue Menschen – angelehnt an antike Denker – vor über 300 Jahren zu der Schlussfolgerung kamen, der Mensch dreht sich seit Jahrtausenden im Kreis seiner geschichtlichen und ethischen Entwicklung und die Religionen als hausgemachten Feinde der Menschlichkeit erkannte (Humanismus), ersann man neue Wege. Anfänglich noch mit Gott, schon bald gegen Gott und dessen Religionssysteme, glaubte der Mensch ein Gesellschaftssystem aufzubauen, welches ohne Gott und ohne Religionen, jedoch letztlich mit gleichem ethischem Ansatz, ein neues Kapitel der Menschheitsgeschichte aufschlagen wird. Große Denker entwarfen kühnste Strategien um der Menschheit das zu bringen, wonach sich die Menschheit sehnt. Frieden, Liebe, Gerechtigkeit, etc wurden zu den Schlagwörtern dieser Epoche. Wie wir wissen, all diese Visionen scheiterten bis zum heutigen Tag an einem wichtigen Kriterium. Am Menschen selbst und seiner Unmenschlichkeit und Gläubige behauten darüber hinaus steif und fest, an Gott. Das Scheitern all dieser Bewegungen löste zwei ganz unterschiedliche Dinge aus. Zum einen wurden Menschen wieder mit ihren kulturellen und religiösen „Wurzeln“ konfrontiert, die Sicherheit und Geborgenheit in einer „heillosen“ Welt anbieten. Zum anderen wurden Menschen zu einem ganz alten „Gott“ hingezogen, der Materialismus heißt, handfest ist und ebenso Geborgenheit gibt. Losgelöst von jeglicher Religion und deren Konventionen lebt es sich offensichtlich etwas skrupelloser und leichter, gleich wohl diese Menschen nicht erahnen, dass genau dieser Materialismus eines der Grundgüter einer jeden Religion ist. (Ich persönlich kenne keine arme Religionsgemeinschaft.) Diesen „Gottlosen“ geht es folglich um Macht, Einfluss, Gewinn und gesellschaftliches Ansehen, etc und hier unterscheiden sie sich erstaunlicher Weise nicht von Religionen und ihren Anhängern – egal zu welchen Zeiten und an welchen Orten diese Geschichtswirksam waren.
Der Mensch dreht sich im Kreis und endet immer dort, wo seine Geschichte beginnt, beim Menschen selbst und seinem Menschsein.
Doch zurück zu Gott. Gott, der diese ganz spezielle Spezies Mensch erschuf und nur das Gute im Sinn hatte, kann unmöglich den Menschen so schlimm geschaffen haben wie er ist bzw. wurde. Es muß folglich einen ganz tiefen Grund für die tiefen Abgründe selbst heiligster Menschen geben. Wie anders lässt sich erklären, dass ein heiliger Elija zum Massenmörder wird, ein heiliger David ebenso, ja selbst ein heiliger Jesus Gottes Ebenbildlichkeiten als Hunde und Schweine bezeichnen kann, nur weil sie Nichtjuden sind. Natürlich, es gibt das Argument, sie sind ja Auserwählte und die dürfen das, weil Gott es so will. Und Natürlich, auch Heilige dürfen einmal über die Stränge schlagen, und sicher, man muß das Böse bekämpfen. Art und Weise bestimmen ja nicht die Menschen, sondern Gott bei Auserwählten. Die Legitimation von Verbrechen an der Menschheit bedurfte bisher noch nie weniger als eines heiligen Auftrags. Ob biblisches Massenabschlachten, Kreuzzüge oder heilige Pflichterfüllung für Gott und Vaterland in Kriegen. Die Legitimation ist wichtig und welche wäre besser geeignet als Gott? Ja, fast alle Gesellschaftssysteme berufen sich via Eid auf Gott und in verantwortlicher Treuerfüllung. So ist legitimiert, was legitimiert wurde.
An und für sich wäre diese Sache in Ordnung, wenn es da nicht etwas gäbe, womit jeder Eid, jeder Treueschwur, jeder Dienst, jeder Krieg und Frieden, etc konfrontiert würde, die Geschichte. Sie erscheint trotz will fähiger Hingabe zur Geschichtsfälschung und Deutung, wie ein altes Vehikel aus den Urzeiten der Menschheit, dass man nicht abschütteln kann. Wir brauchen Geschichte, wir brauchen unsere Menschheitsgeschichte. Wir brauchen sie zur Reflektion und zur Standortbestimmung, wir brauchen sie als Lehrbuch und als Wegbereiter. Doch diese Geschichte ist blutig, leidvoll, ungerecht, sich wiederholend und für alle Generationen tödlich.
Wie passt ein Gott in diese, so für alle tödliche, Geschichte. Hier und allein nur hier stellt sich die jahrtausende alte Frage nach dem Warum des Menschseins. Warum sind wir so wie wir sind, warum hat uns ein Wesen in ein solches Dasein gestellt, warum kann der Mensch nicht anders wie er es seit Jahrtausenden tut.
Für Religionen – von ihren Anfängen bis Heute, ist die Antwort relativ einfach und je schlimmer die Geschichtsprozesse, je klarer und vehementer die Antwort.
Es folgt Teil 2
Lieber Absalom,
vielen vielen Dank für deinen Beitrag. Er bringt mir soviele Perspektive über Kulturen und das einige Leben zu Tage. Das ist wirklich sehr gut!
Wenn uns Gott etwas ins Herz gelegt hat so meine ich zu erkennen, dass es bei dir zu finden ist. - L.G. Martin
Teil 2
Wir sprechen Gott frei von aller Schuld oder Mitschuld, Gott spricht uns frei von aller Schuld und Mitschuld.
Theologisch und philosophisch gesehen geschieht genau dieser Sachverhalt eigentlich in allen großen Religionen und Religionsphilosophien.
Der Mensch steht vor einem ganz großen Dilemma bei der Analyse seiner Menschheitsgeschichte. Zum einen lebt der Mensch in einer Welt, in der er sich so unwohl fühlt, dass er diese ständig für seine Bedürfnisse umformen, bekämpfen und zerstören muß. Er ist unglücklich mit seinem Wesenszustand, der unvollkommen und sterblich ist. Darüber hinaus ist ihm die Welt viel zu klein, er braucht mehr, viel mehr, unendlich viel mehr. Mehr Land, mehr Wohlstand, mehr Befriedigung seiner Gelüste und vor allem eine umfassende Wunscherfüllung. Dabei sind ihm jedoch viele Hindernisse im Weg. Zumeist ist es erst die Natur, dann die Naturbewohner und letztlich sind es seine Artgenossen selbst, die störend sind.
Es bleibt jedoch die Gewissheit für den gläubigen Menschen, Gott stellt uns genau in dieses Dasein und wir müssen uns diesem – unserem Dasein stellen.
Die ethischen Fragen nach Leid und Ungerechtigkeit, nach Sinn und Unsinn unseres Daseins, nach Leben und Sterben stehen seit Anbeginn der Menschheitsgeschichte ungelöst im Raum und man mag Gott gar nicht so Recht verstehen wollen, warum wir uns selbst ausgesetzt sind, warum soviel Böses durch uns geschieht, warum wir so sind wie wir sind, warum wir sterben müssen, oft jung und schuldlos, etc, etc. All diese Fragen gipfeln letztlich in allen Religionen darin, dass man nach Ursachen sucht, die nicht bei Gott zu liegen scheinen, gleich wohl er als Schöpfer dieser Erde und uns Menschen angesehen wird. Also folglich auch alle Unvollkommenheit und auch die Sterblichkeit. Wie kann das aber sein, wenn uns Gott auf der anderen Seite, ebenso durch alle Religionen, einen gewissen ethischen und moralischen Lebenswandel offenbart, der für ein Minimum an gemeinsamen und friedlichen Zusammenleben notwendig ist. Hätte Gott bei seiner Schöpfung nicht all die Widrigkeiten bedenken können, die Zukunft unseres Handelns absehen können, Gott uns vor uns selbst schützen müssen? Was ist das für ein Gott, der sich darüber beklagt, in heiligen Büchlein, wie schlimm die Menschen sind, gleich wohl er selbst diese Menschen so geschaffen hat wie sie sind?
Die Antwort aller Religionen ist relativ simpel und einfach auf diesen Sachverhalt und es erstaunt nicht, dass diese Antwort schon lange vor der Bibel oder einem Koran oder anderen heiligen Schriftlein gegeben wurde. Die älteste schriftliche Antwort findet sich auf Keilschrifttafeln in Sumer und diese Antwort scheint bis heute nichts an Kopierungsbedarf verloren zu haben, findet sie sich doch in allen Religionen wieder. Nicht Gott hat Schuld, an unserer irdischen Realität des Menschseins, denn Gott hat uns gut erschaffen, es war ein Antigott und der Mensch selbst, der diesen menschlichen Zustand der Unvollkommenheit und Sterblichkeit verursacht hat. Diese Antwort scheint in sich so logisch zu sein, dass man lange Zeit damit gut leben konnte, ja es geradezu ein Befreiungsschlag des Gewissens für alle Untaten war, denn wir sind ja nur verführte und unvollkommene Wesen, auf die man mit göttlicher Barmherzigkeit schauen müsse. Wir sind die Opfer und deshalb sind wir Täter. Wir sind Mächten ausgeliefert, die weit größer sind, Göttlich sind, als wir und uns arme kleinen Menschen zum Spielball ihrer Machtgelüste machen. Wir können eigentlich nichts dafür, dass wir sind und wie wir sind.
Doch irgendwann stellte sich die Frage, wo kommt dieser Antigott denn her, warum hat Gott diesen geschaffen oder nicht vernichtet, damit wir Menschlein in Frieden mit uns selbst und Gott leben können. Es folgte der nächste theologische Schachzug, der das Freiheitsideal Gottes betont und in der Bibel auch seinen Niederschlag fand, ich lege euch Leben und Tod vor, Segen oder Fluch. Frei sind wir Menschen nun also, frei zu wählen, frei zu sein in unseren Entscheidungen für Gut oder Böse und deshalb muß es ein Positiv (Gott) und ein Negativ (Antigott) geben. Frei sind wir jedoch nur solange, solange wir die Freiheit haben frei zu sein und wer ist schon frei?
Die Frage, warum es eine solche Freiheit (Scheinfreiheit) gibt, was diese uns nützt und vor allem wo diese denn je zum Guten hingeführt hätte bleibt unbefriedigt beantwortet. Der Gedankenansatz, Gott möchte mündige und freie Menschen und nicht Marionetten ist in sich logisch, doch zugleich fragwürdig, denn war es nicht selbiger Gott, der Machthierarchien befürwortete, die von Sklaverei bis hin zur Deklassierung der Frauen reicht, die Könige und Oberpriester als Führungspersönlichkeiten bevorzugt und andere zu Dienern derer abstuft, vom Kastensystem wollen wir da gar nicht erst sprechen. War es nicht selbiger Gott, der sog. Religionsriten einführte, damit Menschen sich in ein Religionssystem einfügen und darin unterordnen, angefangen bei der Beschneidung bis hin zu Glaubensvorschriften? Mit Mündigkeit und Freiheit hat all das nur wenig zutun. All das sind nur kleine Andeutungen auf Nachfragen zu unsrem Dasein und unserem Verhältnis und unserer Beziehung zu Gott.
Der Mensch steht vor einem ungeheueren Fragenkomplex, der offensichtlich unbeantwortet bleibt, denn der Mensch beruft sich in seinem Handeln immer wieder auf den Urheber Gott und somit gerät sein eigenes Dasein unweigerlich in den Focus Gottes. Gott handelt durch uns Menschen, Menschen handeln durch Gott, dass ist die Kernbotschaft aller Religionen und somit ist alles Scheitern und aller Fehl auch immer ein Hinweis auf Gott. Hierin liegt die Ursache, dass Religionen verschwinden – sterben – und neue Religionen geboren werden. Häuft sich die Fehlerhaftigkeit Gottes / der Religionen, werden Götter oder Gott oder eben Religionen zu ungerecht oder geben den Menschen keine befriedigenden Antworten mehr, so entstehen neue Religionen, mit erneuerten Göttern und erneuerten Glaubensaussagen.
Der Wettkampf der Religionen um den wahren und echten Gott ist bis heute nicht abgeschlossen. Dieses Kernfaktum unserer Geschichte zeigt deutlich, dass noch immer keine allgemeinverbindliche Antwort auf die Stellung Gottes in unserem Dasein gefunden werden konnte.
Doch in unserer menschlichen Religionsgeschichte gab und gibt es „Fortschritte“. Lieferten die Sumerer und Ägypter noch ein relativ primitives Gottesbild dem Bronzezeitmenschen, so hat sich insbesondere in der Antike – durch den Einfluss der Philosophie – der Focus zu Gott ganz wesentlich erweitert. Es war der Hellenismus, der die Versöhnung zu Gott oder den Göttern suchte. Nie wurde der sittliche Imperativ so hoch gewertet und propagiert, wie im Hellenismus. Der Religionsphilosophismus erreichte eine Blüte, die endgültig die alten bronzezeitlichen Religionen reformierte oder verdrängte. Neue Religionen schossen „wie Pilze aus dem Boden“ und erweiterten so den Religionshorizont der Menschheit. Neue Gottesideen und Erklärungsmodelle ergriffen die Menschheit und führten zu einer sehr lebhaften Diskussion unter antiken Menschen über Sinn und Unsinn unseres Daseins und unser Verhältnis zur Götterwelt. Platon, Sokrates, Heraklit, Aristoteles, Philon, etc sind Namen, die bis in unsere Zeit hinein überlebt haben und bis heute mit dieser Diskussion verbunden sind.
Zusammengefasst kann man folgenden antiken Erkenntnisstand erfassen: „Anfang und Ursprung allen Seins ist das Eine, das identisch ist mit Gott, mit höchster Qualität und höchstem Glanz. In stufenweiser Entfernung davon ordnet sich die geistige, seelische und materielle Welt. Entfernung vom Einen bedeutet Vielheit, aber auch Verlust an Sein, an Güte, an Licht, Zunahme der Affekte gegenüber Verstand und Vernunft, Zurücktreten des Geistigen hinter dem Materiellen. Der Ort des höchsten Einen ist die wahre Heimat der Seele.“
Die Platonische Aussage, Gott ist das Urgute und Urreine Prinzip, aus diesem könne nichts Negatives kommen, schaffte jedoch ein Spannungsfeld, dass entgegen der Menschheitserfahrung stand, denn das Böse / Ungerechte war bekannt und erfahrbar im alltäglichen Leben. Wie das Urgute und Urreine Prinzip diesen Zustand dulden konnte und vor allem wie der Mensch im Spannungsfeld dieses göttlichen Dramas zum Spielball der Mächte wurde, fand keine Beantwortung.
Genau hier setzt der hellenistische Ansatz an, indem es einen Antigott, ein Visa Vis zu Gott setzt, also wieder ein altes Glaubensprinzip, dass durch göttliche Helden – Halbgötter bekämpft werden muß. Ob Mithras, Dionysios, Herakles, Attis, Hermas, hellenistischer Jesus, etc, etc, all diese Gottessöhne finden hier ihre Entstehung und ihren religiösen Kult. Sie sind die Kämpfer gegen das Urböse, die böse Urschlange (Ugarit), die die Menschheit in den Abgrund gestürzt hat.
Die Grundfrage, woher kommt das Böse, wird auch in der Bibel nicht beantwortet. Es wird vorausgesetzt und später (ab der hellenistischen Epoche) in der Gestalt Satans zur personifizierten Realität erklärt, aber dessen Ursprung wird nicht benannt.
Die Grundfrage ist eigentlich, wo beginnt das Böse und wie definieren wir das „Urböse“, also den Anfang dessen, was wir heute als böse empfinden. Welche Gestalt und Form hatte das Böse eigentlich, bevor es uns als Böses zur Realität wurde? Das Böse beginnt eigentlich mit dem Begriff Vergänglichkeit und steht im Widerspruch zur Ewigkeit. In dem Begriff Vergänglichkeit löst sich der Wert von Gut und Böse auf. Die Frage muss also lauten, wer erschuf die Vergänglichkeit, die immer in sich Vernichtung, Auslöschung und in deren Folge, Dinge wie Abschied, Schmerz und Leiden beinhaltet. Einzig der Ewige Gott, der dieser Vergänglichkeit nicht unterworfen ist, vermag Vergänglichkeit zu erschaffen. ER /ES selbst steht außerhalb dieser Gesetzmäßigkeit, die nur eins bezweckt, Werden und Vergehen. Hier im schöpferischen Dasein Gottes ist der Ursprung für Vergänglichkeit zu finden – Werden und Vergehen. Dieses Werden und Vergehen hat jedoch eine Eigendynamik vom Erschaffer erhalten. Werden und Vergehen können von den Elementen selbst beschleunigt oder verlangsamt werden. Dazu dienen Gesetzmäßigkeiten, die in Raum und Zeit ihre Basis finden. Atome finden sich zusammen und Atome trennen sich wieder. Das Geheimnis des Lebens, des Werdens und Vergehens, finden hier ihren Ursprung. Das Böse ist also erst einmal an sich ein Prozess, der sich ständig wiederholt und an sich überhaupt nicht böse ist, sondern vom Schöpfer als „ewiger“ Kreislauf von Werden und Vergehen erdacht wurde. Allerdings sieht die Sache anders für die aus, die in diesem Prozess eingebunden sind, denn sie müssen sich diesem Werden und Vergehen stellen. Dabei spielt die Frage nach Schuld und Unschuld keine Rolle, denn Pflanzen sind nicht böse und doch sind sie dem Werden und Vergehen unterworfen. Gott selbst, der sich als Herr über Sein oder Nichtsein – also als Schöpfer dessen bezeichnet, hat allen beseelten Lebewesen zudem ein Bewusstsein für dieses Werden und Vergehen gegeben. Egal ob Pflanzen, Tiere oder Menschen, ein jedes Lebewesen kämpft um das Werden und gegen das Vergehen. Hier kommen wir zum nächsten Punkt, der Kampf um die Existenz und genau hier wird das Böse ganz schnell für alle Lebewesen zur bitteren Realität.
Für alle Lebewesen gilt, mit dem Bewusstwerden von Werden und Vergehen beginnt der Kampf um die Existenz und damit ein Widerstand gegen dieses Grundprinzip. Der Überlebenswille ist ein Urinstinkt, der allen Lebewesen zu Eigen ist. Ist es nun böse, wenn man sich diesem Urinstinkt hingibt? Grundsätzlich nein, denn wir werden geboren um zu leben und leben beinhaltet immer auch den Kampf um das Dasein. Das ist eine Realität, in die wir Lebewesen dieser Erde hineingestellt sind. Das muß man akzeptieren und auch als Gottgewollt hinnehmen.
Das eigentlich Böse ist, dass diese Gesetzmäßigkeiten Gottes nicht akzeptiert werden und der „Neid“ auf Gott, dieser Gesetzmäßigkeit nicht unterworfen zu sein, zur Rebellion gegen den Schöpfer führt. Es ist einzig der Mensch, der in diesem Schöpfungskreislauf sich anmaßt, Gottes schöpferische Ideen anzuzweifeln und somit erhebt der Mensch einen Anspruch auf eine eigene Begriffswelt von Gut und Böse. Kein anders Lebewesen dieser Erde tut das. Gut und Böse sind in der menschlichen Realität dem Kreislauf von Werden und Vergehen unterworfen. Allerdings, das Bewusstsein des Menschen ist verschieden von seiner Umwelt. Es ist das Bewusstsein, dass wir der Vergänglichkeit unterworfen sind und nur den schwachen Trost in sich trägt, werdendes Leben selbst zu erschaffen, allerdings auch in dem Bewusstsein, dass dieses vergänglich sein wird. Es ist die Trennung des Menschen von seiner Vorahnung von Unvergänglichkeit, von Gott, die den Menschen zur Abkehr von Gott treibt. Der Mensch kann und will nicht verstehen, dass er endlich ist, dass er begrenzt ist, dass er nicht Gott ist und deshalb macht sich der Mensch selbst zu Gott über alles, selbst über Gott macht er sich zu Gott, indem er Gott andichtet wie Gott zu sein hat und wie nicht, was Gott zu tun hat und was nicht und im besten Falle wird er selbst zu einem Gottmensch oder nennt sich bescheidener Weise Stellvertreter Gottes auf Erden, der selig und heilig spricht, was ihm in den Sinn kommt. Hier liegt das Fundament – der Ursprung aller Religionen, hier liegt der Grundstein aller Glaubens- und Religionsbekenntnisse. Wir definieren Gott und machen Ihn somit zum Patron unserer Religionen. Da aber alle Glaubensaussagen menschlich unvollkommen, fehlerhaft und zweifelhaft sind, bedarf es vieler Religionen, um das Breitenspektrum an „göttlichen“ Erfahrungsaussagen zu erfassen. Hier liegt die Ursache darin, dass es so unglaublich viele Religionen in der Menschheitsgeschichte gab und geben wird. Und es ist auch kein Geheimnis wenn man sagt, je dogmatischer, militanter und aggressiver eine Religion ihre Glaubensgrundsätze vertritt, je erfolgreicher ist diese. Das lehrt uns ebenso die Menschheitsgeschichte.
In dieser Erkenntnis sagte einst Dietrich Bonhoefer: „Vor und mit Gott leben wir ohne Gott. Gott lässt sich aus der Welt hinausdrängen. Unsere Welt ist Gottlos und Gottlos sind unsere Taten.“
ER / ES erlaubt uns diesen Schritt, wir dürfen Gott mit Nichtachtung abstrafen, wir dürfen Ihn aus unserem Dasein verbannen, wir dürfen Ihm wehtun, indem wir uns seiner Liebe verweigern und vor allem ihm unsere Liebe entziehen. Wir Leiden und wir lassen leiden und all das im guten Glauben wir dienen damit Gott.
Umsinnung zu Gott, was eigentlich diesen Prozess beenden könnte wird durch ein eigenes Rechts- und Gut-Böseempfinden verhindert, welches natürlich durch heilige Regeln legitimiert wurde.
Die Logik Gottes entspricht nicht meiner menschlichen Logik! Würde ich es anders sagen, wäre ich ein Lügner. Doch ich verstehe so ganz langsam die Dimension, die Gott selbst durchleiden muss. Doch warum durchleidet Gott, der Schöpfer allen Daseins selbst diese Prozesse? Die Antwort ist so simpel und einfach, wie der Schöpfungsgedanken Gottes. ER selbst ist mit all seinem Wesen Bestandteil dieser Schöpfung. In jedem Atom, in jeder Faser, er ist darin substantiell enthalten. Um es ganz menschlich auf den Punkt zu bringen, schlage ich mein Kind, schlage ich mich selbst, mein eigen Fleisch und Blut, nur dass ich im Gegensatz zu Gott dies selbst nicht physisch spüre, Gott sehr wohl. Die Dimension von Gottes Gegenwart ist so umfassend, dass es all unsere Vorstellungen sprengt. Wie im Guten so auch im Negativen! Jede Anmaßung von Erklärungsversuchen menschlicher Seite findet hier seine Abstrafung durch Unvollkommenheit des Verstehens!
Es ist ein äußerst billiger Weg, seine Selbstverantwortung und Selbstverfehlung auf ein himmlisches Wesen namens Satan oder Böser Gott zu projizieren und dann durch die Annahme von Himmlischen Helden Erlösung von diesen Verfehlungen zu erhoffen. Denn es ist und bleibt des Menschen erste Aufgabe sich selbst zu überwinden und die Welt in der wir leben mit allem was darin ist als Anteil Gottes zu verstehen. Indem man diese Lebensaufgabe ablehnt und einem Satan andichtet gibt man seine persönliche Verantwortung für unser Dasein und für Gott ab und genau das spiegelt sich im Dasein unserer Welt wieder, eine Welt, die durch Leid, Krieg, Armut, Kapitalismus und Ungerechtigkeit geprägt ist.
Gott teilt mit uns Menschen sein Dasein! Der Mensch jedoch bemächtigt sich dieses Daseins und verteilt oder entzieht anderen Menschen dieses Dasein, je nach Machtgegebenheiten und Interessenslagen. Der Mensch selbst macht sich zu Gott und dazu bedarf es keines himmlischen Bösewichtes, sondern nur der menschlichen Anmaßung selbst Gott spielen zu wollen.
Die Konsequenz aus der Religionsgeschichte kann nur sein, keine Religion der Menschheitsgeschichte vermochte es auch nur ansatzweise den Anliegen Gottes für uns Menschen gerecht zu werden. Weder konnte sie diese Anliegen vermitteln, noch diese ansatzweise umsetzen. Der Mensch, wenn er denn den inneren Drang nach Gott empfindet, wird sich diesen Unfassbaren Gott persönlich und ganz individuell stellen müssen, kein Glaubensbekenntnis und keine Religion wird den Menschen davon befreien können. Was der Mensch finden wird, wird so einzigartig und individuell sein, wie es die Schöpfung selbst ist, denn Gott ist ein Gott der Vielfalt im Sein. Doch dazu muß er suchen und das wohl ein Leben lang, wachsen, reifen, erfassen ohne wirklich Gott in all seiner Fülle zu erkennen. Und wenn der Mensch weise ist, macht er keine Religion oder verbindlichen Lehren daraus, sondern Erfahrungswerte und ein lebendiges und gelebtes Zeugnis für die unendliche Liebe Gottes zu allen Geschöpfen und der Schöpfungen, ein lebendiges und gelebtes Zeugnis zu SEINEM DASEIN und unsrem Dasein, ein Leben in einer Welt voller Göttlichkeiten und Gottes DASEIN.
Absalom
Hallo Absalom,
ich hatte mal vor Jahren von einem Jesuitenppater einen interessanten Gedanken aufgegriffen: "Gott hat die Welt so geschaffen, dass die Welt ohne ihn Leben kann". Einige Impulse aus deinem Text bringen mich genau wieder da hin.
Der damalige Patre hiess Ritzhaupt und ist jetzt verheiratet. Er hat viel über die Liebe Gottes erzählt, dass hat wohl auf sein Leben abgefärbt.
L.G. Martin
Ich möchte mit David Flusser antworten: Die Urabsichten Gottes für eine verirrte Menschheit. Mit meinen Worten: In das Dasein Gottes eindringen. Das möchte ich und das suche ich zu tun und ich suche dabei mich selbst, als Geschöpf dieses Gottes, um den Anliegen Gottes anteilhaftig zu werden.
Ich weiß nicht, ob jemand dabei helfen kann, denn die Antworten und das FINDEN liegt letztlich in einem selbst. Danke aber für dein Angebot. ;-)
Absalom
Zitat: Gott teilt mit uns Menschen sein Dasein! Der Mensch jedoch bemächtigt sich dieses Daseins und verteilt oder entzieht anderen Menschen dieses Dasein, je nach Machtgegebenheiten und Interessenslagen. Der Mensch selbst macht sich zu Gott und dazu bedarf es keines himmlischen Bösewichtes, sondern nur der menschlichen Anmaßung selbst Gott spielen zu wollen.
Nun, dieser letzte Teil fasst doch sehr viel zusammen, dass der Mensch für alles einen Sündenbock braucht, um sich rausreden zu können. Und dies findet sich doch in so manchen Religionen. Und sie suchen wiederum eine Lösung daraus.
Dies muss ich aber doch dem jüdischem Glauben zusprechen, dass darin viel mehr von Eigenverantwortung ist, und auch einfach ein Hinnehmen von Gottes „Schicksal“. Da wird weniger, ja kaum von einem Antigott gesprochen, von Satan als dem Gegner Gottes, und wenn dann, untere Einfluss des Christentums, wo dann solche Gedanken wurzeln konnten.
Auch dass alles aus dem Ewigen entspringt, Gutes und „Böses“ wird als von IHM gegeben akzeptiert.
Alef