Hallo net.krel,

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net.krel
@Das_Provisorium
Herausgestochen beim letzten Beitrag ist mir vor allem wo Du sagtest daß die Paulus Lektüre, speziell Römer, Ursache einer Bipolaren PS gewesen sei.
Persönlich kann ich mir das nicht vorstellen. Zweiteres schon eher: Daß Paulus davon betroffen war. Aber selbst da hab ich meine Zweifel. Man kann da eh keine Ferndiagnose stellen find ich nur spekulieren.
Du, da liegt ein Missverständnis vor, bzw habe ich mich wohl leicht missverständlich ausgedrückt.
Ich hatte ja von einer "quasi bipolaren Störung" gesprochen und einem "Mäandern zwischen Römer 7 und Römer 8". Ich war also nicht wirklich manisch depressiv, also zumindest gab es diesbezüglich nie eine Diagnose, aber mein Glaubensleben fand hauptsächlich in gefühlsmäßigen Extremen statt, so wie sie in Römer 7 und Römer 8 beschrieben sind.
Da ist einmal dieser elende Mensch, der das Gute wohl will, es aber nicht vollbringen kann, der ganz offensichtlich unter dem Gesetz der Sünde zu stehen scheint und in Folge überall Sünde wahrnimmt, mit Sünde konfrontiert ist, sie aber nicht wirklich lassen, nicht wirklich überwinden kann. Das nenne ich den "Römer 7 Menschen".
Und dann ist da aber noch der Mensch mit dem Bewusstsein, dass er sein Leben Gott gegeben hat, dass ihm Gott alle Schuld vergeben hat, dass er also befreit ist vom Gesetz der Sünde und des Todes und dass er eine neue Kreatur ist und das Alte vergangen. Das nenne ich den "Römer 8 Menschen".
Nun aber, oh Schreck, fühlt es sich für den Menschen aber gar nicht grundsätzlich so an, als sei er immer und ausschließlich, also tatsächlich eine neue Kreatur. Sicher kennt er das Gefühl eine neue Kreatur zu sein, er kennt die vielen Veränderungen in seinem Leben, die Veränderungen seines Bewusstseins, aber trotzdem schleicht sich (vielleicht durch die Hintertür) auch immer wieder mal der alte, der gesetzliche Mensch zurück in den Alltag.
In solchen Augenblicken ist der Blick dann ganz besonders scharf auf alles Sündhafte gerichtet. Man riecht die Sünde meilenweit gegen den Wind und fühlt sich ihr trotzdem seltsam ausgesetzt und machtlos gegenüber. Denn man sieht die Sünde wohl, kann ihr aber nicht widerstehen und schon ist man wieder der elende Mensch aus Römer 7.
In solchen Momenten beschließt man dann nur noch aus dem Geist zu leben, dass böse Fleischliche komplett hinter sich zu lassen und ich kenne ungezählte Stunden des Gebets und der Anbetung in der all meine Sehnsucht und all mein Streben nur auf diesen einen Wunsch gerichtet war: Ich wollte den elenden, fleischlichen Menschen hinter mir lassen und all mein Leben nur noch aus dem Geist führen, ein Kind Gottes nach seinen Vorstellungen sein, seinen Willen tun, zu seiner Ehre leben.
Also schmeißt man dann erstmal alles raus, was einem an Gott hindern könnte. Ich habe alle weltlichen Dinge, an denen hin und wieder mein Herz hing, verschenkt. Das war schon Mal sehr befreiend! Schlussendlich hatte ich außer einem Bett und einigen anderen Einrichtungsgegenständen, nur noch die Bibel und ein bisschen andere christliche Literatur. Das war quasi meine "evangelikale Mönchszeit", weil ich da nur in evangelikalen Kreisen unterwegs war.
Aber was soll ich sagen? So richtig befriedigend ist es mir trotzdem nicht gelungen, ausschließlich aus dem Geist zu leben und ein Römer 8 Mensch zu sein. Der Römer 7 Mensch meldete immer wieder seine Ansprüche an mich an und das ganze wird dann emotional natürlich im Spannungsverhältnis zwischen himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt ausgelebt.
Deshalb hatte ich dieses Beispiel erwähnt. Es handelt sich also nicht um eine klinische bipolare Störung, sondern um eine religiöse bipolare Störung! Und wie gesagt, die kann man gar nicht so selten beobachten!

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net.krel
Ich hatte mal gelesen daß Paulus den Römerbrief im Gefängnis verfasst haben soll das könnte natürlich auch einiges Erklären. (falls er überhaupt Authentisch ist... weil diese Frage stell ich mir eh bei einigen seiner Briefen... für mich sieht das teilweise echt nach gestreuter römisch-kaiserlicher falsch-Propaganda aus um die damaligen Christen in die Irre zu führen und sie somit Rom gefügig zu machen... eben nach altbekannten Trick: "freiwillige Unterordnung durch gestreute Falsch-Informationen"... )
Der Römerbrief dürfte tatsächlich wohl der authentischste Brief sein. Und er ist mit großer Sicherheit von Paulus. Aber im Gefängnis hat er, meine ich, den Brief an die Philliper geschrieben. Den Römerbrief hat Paulus geschrieben, als er sich in der Gemeinde in Korinth aufhielt.

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net.krel
Ob das stimmt kann wohl niemand mehr sagen. Aber eins ist aufjedenfall klar: Die Figur "Paulus" - so wie sie uns in seinen angeblichen Briefen dargestellt wird - war auf jedenfall eine Person dessen ganzes Leben aus Extremen bestand. Ebenso seine Theologie. Gerade im Römerbrief. Zuerst ist Gottes Gericht eins nach Werken. Dann ist man plötzlich allein durch den Glauben Gerechtfertigt ohne Werke und Ungläubige seien angeblich von Gott "vorprädestinierte Gefäße welche bestimmt sind zur ewigen Verdammnis" und die sich darüber auch nicht zu beklagen hätten weil der Töpfer ja machen kann was er will mit seinen Gefäßen... und dann am Schluss heists dann daß ja eh alle Ungläubig sind und sich Gott ja eh aller erbarme und niemand seine "Wege kenne" wie er Richtet und Urteilt.
Hätte er es doch nur so knapp zusammengefasst, wie du es jetzt getan hast...;-)

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net.krel
Ja was soll man dazu sagen? Was soll diese ganze Karusellfahrt? Warum die Leute mit so einem Zirkus belasten? Was sollen all diese künstlich erzeugten Widersprüche und Paradoxe? Wollte er seine poetisch/religiöse/literarische "Kunstfähigkeit" damit zum Ausdruck bringen so nach dem Motto: "Seht... wie toll ich alles nach belieben biegen und drehen kann von oben bis unten und euch den Kopf verdrehen kann"? Weil so kommt mir das nämlich, speziell der Römerbrief, echt rüber.
Ja, das ist sicher mit ein Grund. In vielen Briefen von ihm spürt man, dass er recht eitel gewesen sein muss. Wie stolz er z.B. ist auf seine römische Staatsbürgerschaft. Immer wieder erwähnt er, auf was er doch alles verzichten würde, nur um wenigstens einige für das Reich Gottes gewinnen zu können. Er ist auch so unglaublich vielseitig! Den Juden ein Jude, den Griechen ein Grieche und wenn nötig wahrscheinlich auch den Kriechern ein Kriecher...;-)

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net.krel
Auf so was darf man sich eigentlich gar nicht groß und lang einlassen. Der Verfasser hat in Römer nur sein Ego gestreichelt. Deine Entscheidung - "ihn" bzw. diese Schriften angeblich von "ihm", speziell Römer, einfach nur noch links liegen zu lassen - kann ich von daher nur begrüßen. Ich machs nicht anders. Diese als "Wort Gottes" zu definieren und darauf eine Weltreligion aufzubauen spricht eigentlich schon alles für sich. Die meisten Christentum sollten eigentlich "Paulustume" vom Namen her lauten... das träfe die Sache dann theologisch wenigstens besser.
Meine Rede! Ich bin schon lange der Meinung, dass gar nicht so wenig christliche Gemeinden eher paulinische Gemeinden sind. Die Gläubigen sind Paulianer, keine Christen. Aber natürlich nur in meinen Augen und die sind zum Glück nicht maßgebend.
Traurig macht mich gelegentlich nur, dass mir immer mein Christsein von diesen Paulianern abgesprochen wird, dabei ist das Provisorium doch der Archetyp eines Christen des 21.Jahrhunderts...;-)

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net.krel
Falls die oder zumidnest viele Paulusbriefe, wie ich eher vermute, teil römischer Propaganda waren um die Urchristen Rom + deren installierte "einzig wahre Kirche" gefügig zu machen dann muss man (leider) zugeben daß dies echt "Erfolg" hatte.
Ja, Erfolg auf ganzer Linie! Man muss gratulieren! Also Gratulation!
LG
Provisorium
Gott ist ein Gott der Gegenwart. Wie er dich findet, so nimmt und empfängt er dich, nicht als das, was du gewesen, sondern als das, was du jetzt bist. (Meister Eckhart)
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