
Zitat von
net.krel
Ja... er (also falls er, Paulus, auch der Verfasser überhaupt war) stellte sich da schon recht Überhblich dar... keine Frage.
Also der Galaterbrief ist mit großer Sicherheit von Paulus, denn dort sind bereits einige Gedanken angedacht, die dann später im Römerbrief wieder auftauchen und ausgearbeitet werden.
Ich kritisiere auch weniger die Überheblichkeit, die in diesen Versen zum Ausdruck kommt, sondern vielmehr das Drohen, dass teils direkt und teils zwischen den Zeilen zum Vorschein kommt. Paulus hat sehr viel die Unsicherheit, sozusagen die tapsigen ersten Schritten der jungen christlichen Gemeinschaften, ausgenutzt, um Druck, ja gar Angst aufzubauen.
Schau doch mal was er zu der Gemeinde in Korinth sagt:
Überhaupt hört man, dass Unzucht unter euch ist, und zwar eine solche Unzucht, die selbst unter den Nationen nicht stattfindet: dass einer seines Vaters Frau hat. Und ihr seid aufgeblasen und habt nicht etwa Leid getragen, damit der, der diese Tat begangen hat, aus eurer Mitte entfernt würde! Denn ich, zwar dem Leibe nach abwesend, aber im Geist anwesend, habe schon als Anwesender das Urteil gefällt über den, der dieses so verübt hat - wenn ihr und mein Geist mit der Kraft unseres Herrn Jesus versammelt seid -, einen solchen im Namen unseres Herrn Jesus dem Satan zu überliefern zum Verderben des Fleisches, damit der Geist gerettet werde am Tage des Herrn. (1.Korinther 5,1-5)
Findest Du das nicht gruselig? Was bedeutet das denn, jemanden im Namen Jesu dem Satan zu überliefern zum Verderben des Fleisches? Das hat für mich persönlich eine starke Affinität zu den schrecklichen Hexenverfolgungen, denen in Europa zwischen 40000 und 60000 Menschen zum Opfer fielen und wo man ja auch der Überzeugung war, dass der Mensch durch sein Verbrennen gereinigt werden könnte, so dass zumindest die Seele eventuell noch Gnade finden könne.
Ein paar Verse weiter (Verse 9-13) sagt Paulus dann:
Ich habe euch in dem Brief geschrieben, nicht mit Unzüchtigen Umgang zu haben; nicht überhaupt mit den Unzüchtigen dieser Welt oder den Habsüchtigen und Räubern oder Götzendienern, sonst müsstet ihr ja aus der Welt hinausgehen.Nun aber habe ich euch geschrieben, keinen Umgang zu haben, wenn jemand, der Bruder genannt wird, ein Unzüchtiger ist oder ein Habsüchtiger oder ein Götzendiener oder ein Lästerer oder ein Trunkenbold oder ein Räuber; mit einem solchen nicht einmal zu essen. Denn was habe ich zu richten, die draußen sind? Richtet ihr nicht, die drinnen sind? Die aber draußen sind, richtet Gott. Tut den Bösen von euch selbst hinaus!
Wichtig ist es das Fragezeichen nach der Aussage "richtet ihr nicht, die drinnen sind" zu beachten. Paulus sagt also nicht, dass Gemeindemitglieder nicht gerichtet werden sollten, sondern quasi andersrum, dass man sie richten soll, eben das man das Böse aus der Mitte entfernen muss. Und diese Aussage, dass man das Böse entfernen muss, steht im Zusammenhang mit 5.Mose 17, 2-7:
Gesetzt den Fall, irgendwo in eurem Land vergeht sich ein Mann oder eine Frau gegen den Herrn, euren Gott, bricht dessen Bund und verehrt andere Götter oder betet Sonne, Mond und Sterne an, was ich euch verboten habe. Wenn ihr von so etwas hört oder es euch angezeigt wird, müsst ihr genaue Nachforschungen anstellen. Wenn es sich herausstellt, dass tatsächlich etwas so Abscheuliches geschehen ist, wie es in Israel niemals geschehen dürfte, dann müsst ihr den Mann oder die Frau vor das Tor der Stadt hinausführen und durch Steinigung hinrichten. Zwei oder drei Zeugen müssen das Vergehen bestätigen; auf die Aussage eines einzigen Zeugen hin darf niemand getötet werden. Die Zeugen werfen als Erste einen Stein auf die betreffende Person, danach alle versammelten Männer der Stadt so lange, bis sie tot ist. Ihr müsst das Böse aus eurer Mitte entfernen.
Es ist ja sehr stark davon auszugehen, dass Paulus (und auch die angesprochene Gemeinde in Korinth) dieses Vers aus 5.Mose kannte, aber er kannte eben leider ganz offensichtlich nicht Matthäus 7, 1-5:
Richtet nicht, auf dass ihr nicht gerichtet werdet. Denn mit welcherlei Gericht ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden; und mit welcherlei Maß ihr messet, wird euch gemessen werden. Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge, und wirst nicht gewahr des Balkens in deinem Auge? Oder wie darfst du sagen zu deinem Bruder: Halt, ich will dir den Splitter aus deinem Auge ziehen, und siehe, ein Balken ist in deinem Auge? Du Heuchler, zieh am ersten den Balken aus deinem Auge; darnach siehe zu, wie du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehst!
Jesus ist da doch irgendwie ganz anders, findest Du, findet ihr nicht? Er hat ja auch dafür gesorgt das die Ehebrecherin nicht gesteinigt wurde (Johannes 8, 1-11), obwohl sie ja eigentlich hätte gesteinigt werden müssen. Und genau in solchen "Neuerungen", in solch unorthodoxen Verhaltensweisen liegt doch ein großer Teil der Faszination und Heiligkeit Jesu verborgen, aber der Paulus relativiert das irgendwie immer wieder und das macht ihn mir persönlich sehr suspekt.
Er relativiert sicher auch deshalb, weil er Jesus halt ganz einfach nicht gekannt hat und sich nicht sonderlich um den historischen Jesus kümmerte. Für Paulus ist immer nur der Gekreuzigte, also der tote Jesus von Belang und dann natürlich auch noch der Jesus der Auferstehung. Aber der Jesus, der hier auf Erden lebte und lehrte, ist nicht weiter von Interesse für ihn. Ich finde das sehr, sehr seltsam und ich werde dabei auch den Eindruck nicht los, dass Paulus Jesus nur für seine eigenen Vorstellungen instrumentalisieren wollte und da taugte ihm der lebende Jesus offensichtlich nicht wirklich.
LG
Provisorium
Gott ist ein Gott der Gegenwart. Wie er dich findet, so nimmt und empfängt er dich, nicht als das, was du gewesen, sondern als das, was du jetzt bist. (Meister Eckhart)
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